Betteln um die Ausgangssperre: Was Freiheit wert ist

von Karolina Meyer-Schilf 19. März 2020, 22:12 Uhr – Quelle: https://www.shz.de/27764067 ©2020

Warum Sie den zehntausendsten Text über Corona auch noch lesen sollten? Ganz einfach: Weil es hier um Ihre Freiheit geht. Genau die, die Ihnen das Grundgesetz garantiert, in Artikel 11 nämlich. Und genau die, die Ihre Landesregierung demnächst einschränken wird. #Aussgangssperre trendet seit Tagen auch auf Twitter, und wer dort alles darum bettelt, bald in seiner Wohnung eingesperrt zu werden, ist schon einigermaßen erstaunlich. 

Oliver Pocher ist darunter, aber auch zahlreiche Kommentatoren etwa der öffentlich rechtlichen oder auch privaten Fernsehsender.Werbung

Selbst Christian Lindner, immerhin Vorsitzender der Freien Demokraten, äußert Verständnis für diese Maßnahme.

Die Argumentation geht so: Im Moment ist die Bevölkerung in Deutschland aufgerufen, zu Hause zu bleiben, nicht unnötig nach draußen zu gehen, persönliche soziale Kontakte zu meiden. Weil sich aber viele nicht daran halten, stattdessen in Gruppen im Park sitzen oder in der ersten Frühlingssonne vor den Cafés, helfe nur noch eine Ausgangssperre gegen die Weiterverbreitung des Virus. Der Deutsche halt, kapiert’s mal wieder nur mit Zwang von oben.

In den sozialen Medien passiert jetzt zweierlei: Die einen machen in bester Blockwartmanier Fotos von den Menschen, wie sie da in Gruppen im Park sitzen oder vor Cafés, und posten sie auf Twitter oder Facebook. Recht am eigenen Bild? Egal, es geht ja um die Seuche. Die anderen flehen die Regierung um eine Ausgangssperre an.

Das Erschreckende dabei ist nicht, wie wenig Leute sich an die Empfehlungen der Regierung halten. Damit war zu rechnen, der Mensch als solcher ist eben nicht von Natur aus solidarisch, und auch die Intelligenz ist in der Bevölkerung nicht ganz gleichmäßig verteilt. Erschreckend ist aber, wie schnell Menschen bereit sind, ihre persönlichen Freiheitsrechte aufzugeben, noch mehr: Darum zu bitten, dass jemand sie von ihrer Freiheit erlöst. Daraus spricht Verunsicherung, Angst und – ja, Unmündigkeit.

Menschen, die jedem anderen sonst etwas husten würden, sobald man ihren persönlichen Lebensstil auch nur in Ansätzen kritisiert, wünschen sich jetzt nichts lieber, als für Wochen in der eigenen Wohnung eingeknastet zu werden. 

Dieser vorauseilende Gehorsam ist gefährlich. Wenn es so einfach ist, Menschen davon zu überzeugen, dass Freiheit gefährlich ist – dann kann man wirklich nur froh sein, dass hierzulande im Prinzip vernünftige Leute regieren. Wenn die anordnen, dass Ausgangssperre ist, muss man sich dran halten – darum betteln sollte man aber besser lassen. 

Denn dass vertrauenswürdige Demokraten an der Macht sind, bleibt vielleicht nicht immer so – und dann? Ist die Freiheit schneller weg, als man ein paar Hashtags ins Smartphone tippen kann. –

Quelle: https://www.shz.de/27764067 ©2020

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