Psychologin zu Corona-Hysterie: "Wie ein Schneeball, der größer wird"

Wie lassen sich Hamsterkäufe erklären? Warum haben wir Angst? Die Psychologin Kathrin Krimm vom Bezirkskrankenhaus Lohr spricht über unseren Umgang mit dem Virus.

Mainpost-Nicolas Bettinger v. 17.03.2020

Panische Hysterie oder angemessener Umgang? In Zeiten des Coronavirus reagiert jeder Mensch anders auf die Krisensituation. Kathrin Krimm ist die Leitende Psychologin im Bezirkskrankenhaus Lohr und spricht im Interview über den Umgang der Bevölkerung mit dem Virus. Die 41-Jährige erklärt die Ängste und warum die jetzige Situation aus psychologischer Sicht zu erwarten war.Frau Krimm, überrascht es Sie, welche Dimension das Thema Coronavirus in der Gesellschaft eingenommen hat?

Kathrin Krimm: Aus psychologischer Sicht war das genau so zu erwarten. Weil es ein sich verstärkender Prozess ist. Wie ein Schneeball, der immer größer und größer wird. Und wenn sich ein Thema so lange hält, weil es so präsent ist, dann ist zu erwarten, dass sich das Verhalten, die Ängste und Unsicherheiten in der Gesellschaft auch nochmal verstärken.Immer mehr Menschen legen sich größere Vorräte an, fürchten den Zusammenbruch des Systems. Wie erklären Sie sich das aus psychologischer Sicht?

Krimm: Wir befinden uns gerade in einer Situation, in der wir eine gewisse Unsicherheit verspüren. Das geht an den Wenigsten spurlos vorbei, weil diese Situation auch etwas Neues für uns alle ist. Dabei ist die Angst nur eine Seite der Medaille. Die andere ist ein sich selbst verstärkender Prozess. Also wenn ich im Supermarkt leere Regale sehe, dann suggeriert mir das natürlich: „Oh, da ist ein Mangel und da könnte auch noch ein weiterer Mangel auftreten.“ In diesem Moment wird auch jemand, der normalerweise nicht so viel Angst hat, vielleicht darauf reagieren und selbst auch noch schnell Vorräte einkaufen. Nach dem Motto: Wenn die Regale jetzt schon leer sind, dann muss ich schnell handeln.

Reagieren die Menschen also irrational?

Unser Handeln hängt von unserer persönlichen Risikoeinschätzung ab. Ein Vergleich: Viele Menschen haben Angst vor dem Fliegen. Sie empfinden eine Flugreise als riskanter als eine Autofahrt. Zwar gibt es deutlich mehr Verkehrstote durch Autounfälle, die höhere mediale Präsenz bei Flugzeugabstürzen führt jedoch dazu, dass diese generell emotional negativer bewertet werden. Das lässt sich auf die jetzige Situation übertragen. Wir entkommen dieser medialen Präsenz überhaupt nicht mehr. Und wenn etwas so präsent ist, dann wird es von uns auch emotional negativer bewertet und riskanter eingeschätzt als es womöglich ist.

Dann haben die Medien also einen großen Anteil an Hysterie und Panik in der Bevölkerung?

Krimm: Ich glaube schon, dass die mediale Präsenz einen großen Einfluss darauf hat. Vor allem weil zu viele, teilweise sehr widersprüchliche Informationen vorhanden sind und waren. Beispielsweise die Informationen zu den Verhaltensregeln. Das erhöht natürlich die Unsicherheit in der Bevölkerung und führt womöglich auch zu Misstrauen. Wir haben in Deutschland jedes Jahr eine große Grippewelle mit sehr vielen Kranken und vielen Toten. Wäre die Grippe jedes Jahr medial derart präsent wie das Coronavirus, dann hätten wir sicher auch einen anderen Umgang damit. Allerdings kommt die Verunsicherung vor allem durch Medien, die ohnehin extrem effekthascherisch mit sehr negativen Formulierungen berichten. Dadurch fällt es dann vielen Menschen schwer, die Informationen richtig einzuordnen. Bei vielen Qualitätsmedien nehme ich dagegen einen differenzierteren und ruhigen Ton wahr. Diese Medien haben eine wichtige Informationsfunktion.“Wäre die Grippe jedes Jahr medial derart präsent wie das Coronavirus, dann hätten wir sicher auch einen anderen Umgang damit.“Kathrin Krimm, Psychologin am Bezirkskrankenhaus LohrExperten mahnen immer wieder zu Besonnenheit und raten von Hamsterkäufen ab. Wieso wird das ignoriert?

Krimm: Irrationales Verhalten ist aus der Angst heraus erklärbar. Angst ist eine unserer Basisemotionen. Sie hat eine wichtige Schutzfunktion und macht uns auf eine mögliche Bedrohung aufmerksam. Ob das real ist oder nur eine befürchtete Bedrohung, spielt keine Rolle. Wenn ich aber ständig einer gefühlten Bedrohung ausgesetzt bin – und genau das ist diese Krankheit derzeit -, dann tendiert der eine oder andere Richtung Panik. Panik ist die extreme Form der Angst. Diese lässt uns emotional oft überreagieren und führt häufig zu irrationalen Handlungen.Laut aktuellem Stand ist das Virus für viele Menschen eher ungefährlich. Wie erklären Sie sich dennoch diese Weltuntergangsstimmung?

Krimm: Gerade in der letzten Woche ist dieses Thema für uns alle näher gerückt. An jeden von uns. Durch die Schließungen von Schulen müssen sich Eltern um die Betreuung sorgen, anderswo fallen Mitarbeiter aus und dadurch wird es wiederum in manchen Bereichen zu Engpässen kommen. Wenn wir in den Wirtschaftsteil der Medien schauen, Einbrüche beim Dax sehen und hören, wie emotional Beteiligte darauf reagieren, dann hat das eine gewisse Wirkung. Solche Informationen gekoppelt mit Nachrichten zur Krankheit an sich, wie der noch fehlenden Behandlungsmöglichkeit, können zu einem Gefühl führen, das besagt: Wir steuern auf eine Situation zu, in der wir weitere Einschränkungen zu erwarten haben, beispielsweise eine Lebensmittelknappheit.Welche Lehren ziehen Sie aus der Coronakrise?

Krimm: Zum einen empfinde ich es gerade als ein sehr positives Zeichen, wie Menschen sich gegenseitig unterstützen und sich solidarisieren. Eine Krise lässt uns als Gemeinschaft näher zusammenrücken. Zum anderen sollten wir die Situation nutzen, um generell über den Umgang mit Krankheit nachzudenken. Viel zu oft gehen wir krank arbeiten und gefährden andere. In Zukunft sollten wir lieber mal zuhause bleiben und uns auskurieren. Unabhängig von Corona. Außerdem, auch wenn das etwas philosophisch anmuten mag, sollten wir uns eines klar machen: Für so vieles, was wir mittlerweile als selbstverständlich ansehen, können wir dankbar sein. Wir haben ein sehr gutes medizinisches Versorgungssystem, können Konzerte besuchen, haben offene Grenzen, alles, was wir brauchen, ist verfügbar. Durch das Coronavirus werden wir plötzlich mit dieser Begrenzung, mit dieser Einschränkung konfrontiert. Auch wenn wir uns gerade noch im Auge des Hurrikans befinden, sollten wir uns klar machen: Wir dürfen sehr dankbar sein, in einem solchen System zu leben.

https://www.mainpost.de/regional/main-spessart/Psychologin-zu-Corona-Hysterie-Wie-ein-Schneeball-der-groesser-wird;art774,10424051

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