Ich habe Zweifel

Stand: 23.03.2020  – Von Mathias Döpfner – http://www.welt.de

Shutdown. Stillstand. Pause. Mute. Kaum Kontakt. Atem anhalten. Ruhe. Vakuum. Nichts: Die Corona-Pandemie hat unseren Alltag radikal verändert. Das musste sein. Aber der Ausnahmezustand muss auch wieder enden.

Seit Tagen zögere ich, etwas zu schreiben. Weil ich Zweifel habe. Auch Angst, einen Fehler zu machen. Weil ich nicht sicher bin, was richtig ist. Weil ich als Asthmatiker ein sogenannter Risikopatient wäre. Und weil ich Verantwortung habe für 16.500 Mitarbeiter. Und für das, was ich mit einem Text wie diesem auslöse.

Auch ich hänge an den Lippen der Virologen und Epidemiologen. Das Problem ist: Der eine sagt dies, der andere das. Und einig sind sie sich selten. Jeder glaubt an sich. Und gemeinsam sagen sie wenig. Die Regierung folgt. Vor allem den Experten vom Robert-Koch-Institut und von der Charité. Diese fast unbeschränkte Macht ist mir zu alternativlos. Denn es sind Experten ohne das Mandat des Wählers. Aber sie entscheiden indirekt, was die Regierung anordnet. Als der Chef des Robert-Koch-Instituts sagte, die massiven Einschränkungen im Alltag könnten zwei Jahre dauern, habe ich das Vertrauen verloren (auch wenn er seine Aussage später wieder zurückgenommen hat). Jeder Schüler weiß, dass die Weltwirtschaft und unsere Gesellschaft einen solchen Stillstand nicht einmal wenige Monate verkraften können. Wer so etwas denkt und sagt, darf nicht der wichtigste Kompass der Regierung sein.

In den letzten Wochen oszilliert meine Meinung hin und her. Manchmal schlafe ich ein mit der Klarheit meiner Wut. Dann ärgere ich mich über die Angst vor einem Virus, das weltweit bisher weniger Todesopfer gefordert hat als die Grippewelle von 2017/2018 in Deutschland. Damals starben schätzungsweise 25.100 Menschen. Das Coronavirus trifft vor allem ältere und vorerkrankte Menschen. Müssten dementsprechend nicht vor allem Maßnahmen für diese besonders gefährdeten Menschen ergriffen werden? Während die anderen möglichst weiterleben und arbeiten wie bisher? Bei genauer Betrachtung wissen wir erschütternd wenig über das Virus. Laut einer Studie in „Science“ lag die Dunkelziffer der Corona-Fälle in China bei über 80 Prozent. Wie hoch ist sie in Europa, bei so geringer Testdichte? Was sagt dann eine Statistik über Mortalität? Manchmal denke ich an den Satz des Virologen Hendrik Streeck vom Uni-Klinikum Bonn, der sagt: „Wäre uns das Virus nicht aufgefallen, hätte man vielleicht gesagt, wir haben dieses Jahr eine schwere Grippewelle.“

Ich ärgere mich dann über Politiker, die sich in einem Entschlossenheitswettkampf zu überbieten versuchen. Wer hat die härteste Maßnahme? Wer die entschiedenste Sanktion? Wer das schnellste Notstandsgesetz? Hinter vorgehaltener Hand sprechen manche anders. Aber so könne man in der derzeitigen Stimmung öffentlich nicht argumentieren, heißt es. Das alles macht mir Angst, weil es nicht vom Ende her gedacht scheint. Ich sorge mich um unsere freiheitliche, rechtsstaatliche, offene Gesellschaft, die im Namen der guten Absicht beschädigt werden könnte.

Ich bin wütend, dass es ernst zu nehmende Menschen gibt, die China als Vorbild in der Seuchenbekämpfung sehen. Obwohl wir doch wissen, dass China eine Diktatur ist, die Menschen verfolgt, nur weil sie anderer Meinung sind. Die ihr Volk überwacht und mit einem Social-Scoring-System kontrolliert. Dass ein deutscher Landrat nun schon Xi Jingping um Hilfe bittet, kann man nur grotesk finden oder auch symptomatisch. Aber Corona, sagen immer mehr und viel zu viele, haben sie doch irgendwie sehr gut gemanagt. Dass Journalisten, die die Wahrheit recherchieren wollen, des Landes verwiesen werden, wird verdrängt. Dass man der chinesischen Informationspolitik nicht trauen kann, wir eventuell kalt belogen werden, ebenfalls. Ist dieses Modell unsere Zukunft? Soll China zu unserem Vorbild werden, weil es die Corona-Krise so totalitär gemeistert hat? Ich fürchte, wir begehen demokratischen Selbstmord aus Angst vor dem Sterben.

So schlafe ich ein.

Und dann wache ich auf. 294.110 Corona-Fälle weltweit. 22.672 in Deutschland. 4062 mehr als am Vortag. Fast viermal mehr als letzte Woche. 20 Prozent der Patienten, die in ein US-amerikanisches Krankenhaus eingewiesen wurden, sind angeblich zwischen 20 und 44 Jahren. Und dann die Bilder aus Bergamo. Lastwagen mit Leichen. Massengräber. Weinende Ärzte und Krankenschwestern, die Sterbende nicht mehr angemessen versorgen können. Der 70-jährige Arzt, der darauf besteht, nicht mehr behandelt zu werden, weil er selbst zu viele Patienten in seinem Alter zurückweisen musste.

So wache ich auf.

Und nach allem Ringen und Zaudern und Zweifeln wird mir klar: Obwohl ich befürchte, dass die Folgen der Virusbekämpfung schlimmer sein könnten als die Folgen des Virus selbst (Rezession, Massenarbeitslosigkeit, Enteignungen, vielleicht Schlimmeres), glaube ich am Ende, dass diese Maßnahmen richtig sind. Je entschlossener, desto besser. Denn eine Strategie braucht Entschiedenheit. Und diesen Weg haben wir nun einmal aus guten Gründen eingeschlagen.

Shutdown. Stillstand. Pause. Mute. Kaum Kontakt. Atem anhalten. Ruhe. Vakuum. Nichts. Für kurze Zeit, wenige Wochen. Das können wir packen.

Entscheidend an dieser Strategie ist, dass man ihr Ende bedenkt und ihr zügiges Ende plant. Es ist eine radikale Vorgehensweise für sehr kurze Zeit. Es geht darum, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, um Zeit zu gewinnen. Um auch die Voraussetzungen für mehr intensivmedizinische Versorgung zu schaffen. Längerfristig ist ein Stillstand gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch nicht zu verkraften. Die Fantasie, dass wir die Pausetaste drücken, bis das Virus verschwunden ist, ist naiv und gefährlich. Es wird der Tag kommen, an dem die Politik ihr Narrativ ändert und erklärt, dass die „Vermeidung von Sozialkontakten“ (was für ein technokratischer Begriff) zu Ende ist. Wir wieder arbeiten und fast wie früher leben sollen. Zurück zur Normalität. Zur zivilisationsentscheidenden Ambition. Das Virus wird dann nicht weg sein. Wir haben nur Zeit gewonnen. Dann müssen wir uns um die kümmern, die besonders gefährdet sind. Sie müssen wir schützen. Hoffentlich bald mit einem Impfstoff und ertüchtigter Intensivmedizin.

Für den Rest der Gesellschaft aber muss gelten: raus aus dem wirtschaftlichen Winterschlaf, zurück in den Alltag. Und das so schnell wie möglich. Wir haben nicht viel Zeit. Denn sonst könnte der Verlust größer sein: unsere Gesellschaftsordnung, unser Lebensstil, unser freiheitlicher Lebenssinn. Wir hätten dann für etwas mehr Sicherheit und Gesundheit die Freiheit getauscht und die offene Gesellschaft zerstört.

Aber das muss nicht sein. Es darf nicht sein. Es wird nicht sein. Im Gegenteil: Wir können gestärkt aus dieser Lage hervorgehen. Es ist die erste echte Krise für mehrere deutsche Nachkriegsgenerationen.

Krisen, das ist nichts Neues, sind oft die Katalysatoren des Fortschritts. Einige der größten Errungenschaften der Zivilisation sind nach Kriegen und Seuchen entstanden. Die Pest war – nach dem Medizinhistoriker Klaus Bergdolt – regelrecht die Voraussetzung für die Renaissance, eine der kulturell beflügelndsten und reichsten Phasen der Menschheitsgeschichte. Der Pest folgte großer Wohlstand und vor allem ein bis dahin nicht gekannter Individualismus. Egon Friedell fasste es so zusammen: „Das Konzeptionsjahr des Menschen der Neuzeit war das Jahr 1348, das Jahr des Schwarzen Todes.“ Auf den Zweiten Weltkrieg folgte das deutsche Wirtschaftswunder. Nach der zweiten Ölkrise von 1978/80 begannen wir, verstärkt in erneuerbare Energien zu investieren.

Krisen zwingen dazu, Dinge anders zu machen, neu zu denken. Sie fördern den Zusammenhalt. Ein gemeinsamer Feind, in diesem Fall glücklicherweise nicht ein anderes Land oder Volk, sondern das Virus, verbindet. Schweißt zusammen. Mobilisiert Energien. Krisen bringen wie unter einem Brennglas Schwächen, aber auch Stärken einzelner Menschen und Systeme hervor. Sie sind ein Charaktertest. Eine große Chance für unsere Persönlichkeit. Jeder kann in der Krise scheitern – durch Resignation. Oder über sich hinauswachsen – durch Mut und Gemeinsinn. Und Krisen können bewusster machen, was bewahrenswert und veränderungsbedürftig ist.

Wir haben oft davon gesprochen, dass man Büros, einen Arbeitsplatz eigentlich gar nicht mehr brauche. Die Arbeit, haben wir gesagt, könne überall stattfinden. Ein Handy, ein Laptop genüge. Nun merken wir, im Homeoffice sitzend, dass es doch nicht so leicht ist. Wir merken, wie unverzichtbar der direkte Dialog ist. Aber wir sehen auch, wie viele Reisen und Meetings man früher machte, die man sich sparen könnte. Gleichzeitig machen wir jeden Tag riesige Fortschritte, arbeiten noch mobiler und flexibler. Die schwierige Lage zwingt uns dazu. Die Corona-Krise als großer Beschleuniger der Digitalisierung kann dazu führen dass wir in Zukunft einfacher, effizienter und besser zusammenarbeiten.

Auch die Rolle der Medien wird in diesen Tagen besonders getestet. Journalisten sind – unter Inkaufnahme besonderer persönlicher Risiken – das, was sie schon lange nicht mehr waren. Unser Fenster zur Welt. Unser Filter der Wahrheit. Sie haben eine enorme Verantwortung. Und ich finde: Alles in allem werden sie dieser Verantwortung in beeindruckender Weise gerecht. Ich bekomme Zuschriften von Menschen, die schreiben, die Medien müssten jetzt für Solidarität und Einheit sorgen. Am Auftrag der Journalisten darf sich aber auch in der Krise nichts ändern. Gerade dann nicht. Sie sollten weiter zweifeln und hinterfragen. Es braucht jetzt nicht nur Solidarität und Gemeinsinn, sondern auch Kritik. Und vor allem Vielfalt der Informationen und Meinungen. Wir brauchen keine zentralstaatliche Propaganda, sondern einen Wettbewerb kritischer Intelligenz. Vielleicht rückt jetzt auch der Wert von unabhängigem Journalismus wieder stärker ins Bewusstsein.

Wenn die Krise überstanden ist, wird vieles nicht mehr so sein wie vorher. Der wirtschaftliche Schaden wird groß sein. Ganze Industrien könnten verschwinden oder sich völlig verändern. Aber es werden auch neue Boombranchen entstehen. Wir werden anders arbeiten. Weniger reisen. Vielleicht rücksichtsvoller gegenüber der Umwelt sein. Respektvoller auch gegenüber Politikern, die verantwortungsvoll, nicht populistisch handeln. Wir werden anders miteinander reden und uns anders begegnen. Vielleicht dankbarer für vieles, was bisher selbstverständlich erschien. Wirtschaftlicher Aufschwung. Rauschende Partys. Bewusster Genuss. Gesellschaft und Geselligkeit – und vor allem Freiheit – werden wieder ein Geschenk sein.

Vielleicht ist eine nebensächliche, zivilisatorische Signatur des Coronavirus, dass wir zur Begrüßung keine Bussi-Rituale mehr haben werden. Ist das ein Verlust oder ein Geschenk?

Vielleicht grüßen sich die Menschen dann so ähnlich wie in Thailand. Die eigenen Hände aneinanderlegen. Leichte Verbeugung. Lächeln.

Das Lächeln wünsche ich mir wirklich. Vor allem in Deutschland. Es gibt kein Volk, das so wenig lacht wie die Deutschen. Vielleicht hinterlässt Corona uns ein Lächeln. Wenn es vorbei ist. Ein Lächeln der Dankbarkeit.

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