Darf man über Corona lachen? Na klar!

http://www.welt.de – von Oliver Rasche – gefunden am 29.03.2020

Es sind schwere Zeiten der Unsicherheit: Bleibe ich gesund? Wie geht es wirtschaftlich weiter? Wie lange sind Kontaktverbote noch nötig? Gerade dann sprudelt das Internet über vor Corona-Witzen. Können die helfen, mit der Situation besser klarzukommen?8Anzeige

Darf man über Corona lachen? Klare Antwort: Ja! Damit könnten wir diesen Artikel beenden – wobei, in Zeiten von Kontaktverbot und „StayHome!“ (Bleib zu Hause!), haben Sie doch sicher eh nichts Besseres zu tun, als ein wenig weiterzulesen, oder?

Also: Natürlich kann man darüber lachen, man sollte sogar. Lachen nimmt den Schrecken, Lachen entspannt. Ja, Lachen stärkt sogar das Immunsystem, kein schlechter Nebeneffekt in diesen Tagen.

Selbst Virologe Christian Drosten sagte schon in einer frühen Phase der Pandemie den humoristischen Umgang mit ihr voraus, durch Comedians, in sozialen Medien. Der Mann kann halt alles. Und es stimmt ja auch, Corona ist ein gesellschaftliches Ereignis, weltumspannend. Kein schönes, aber leider auch keines, das wir ignorieren können, zumal jeder zumindest indirekt betroffen ist. Von Restriktionen, wirtschaftlichen Ängsten, Krankheit, „Hausarrest“.

Wenn man dann zu Hause rumhängt, der immer lustige Kegelabend aus guten Gründen ausfällt, irrt man durchs Netz. Auf der Suche nach Erklärungen, Hinweisen, Antworten. Könnte mein Schnupfen Corona sein? Bin ich besonders gefährdet? Ängste, Unsicherheit treiben uns ins Internet – aber eben auch Langeweile und Einsamkeit.

Witze über Krankheit, nicht über Kranke

Und von Anfang an finden wir dort neben echten Informationen, kruden Verschwörungstheorien (Wussten Sie, dass Corona entwickelt wurde, um die Weltwirtschaft neu zu ordnen? Sehen Sie, man lernt nie aus!) und Erfahrungsberichten eben auch Humor. Witze über eine Krankheit, die für Tausende Menschen weltweit tödlich ist? Oh ja! Es ist eben der feine Unterschied, ob ich mich über eine Krankheit und vor allem den Umgang mit ihr lustig mache. Oder über die Menschen, die unter ihr leiden.

Beispiel Klopapier, Hamsterkäufe und die Erkenntnis, dass Klischees oft eben stimmen. Denn Franzosen berichten von Rotwein-Hamsterkäufen, Niederländer erstehen derzeit wohl ungewöhnlich viel Cannabis, die Amerikaner decken sich mehr noch als üblich mit Waffen ein – und wir halt mit Klopapier. Und Mehl. Darüber kann man sich ärgern, aber wäre das nicht schade, weil verschwendete Energie? Und wer weiß, vielleicht stellen Unmengen von Mehl und Klopapier ja das Gegenmittel dar – dann sind wir die Idioten, nicht die!

Beispiel Politik: Ein rumänisches Satireportal schreibt: „China meldet null neue Corona-Fälle und fünf Auferstehungen in Wuhan.“ Großartig! Denn es trifft genau den Punkt, höchst indirekt, höchst wirksam: Oder wer glaubt den Jubelarien aus dem Reich der Mitte, wo plötzlich in Sachen Corona alles wieder gut sein soll? Also die offenbar übertriebenen Meldungen durch noch krassere ad absurdum führen und der Wahrheit damit näher kommen. Wunderbares Paradox.

Wohlfühlen am virtuellen Lagerfeuer

Dabei muss Humor nicht immer ein definiertes Ziel oder Opfer haben, albern zu giggeln dient auch der Entspannung und hilft über Krisen hinweg. Angesagt bei Facebook (ja, den Laden gibt’s noch; die Älteren müssen sich in Quarantäne ja auch irgendwo rumtreiben!) sind zuletzt „Alle … Außer“-Witze beliebt, angeregt vom Satiriker Thomas Gsella. Unter seinem Aufruf liest man dann:

„Keiner kommt hier lebend raus. Außer Bent (er ist resistent).“

„Alle kauften Klopapier. Außer mir: ich kaufte Bier.“

„Alle bingen in der Isolation Netflix. Nur nicht Ben, der hat ISDN.“

„Alle haben sich bei den Aktien verzockt. Außer Gunilla. Sie kaufte Barilla.“

Dutzende, inzwischen rund 200 Kommentare und Zwischen-Chats machten aus dem Posting ein virtuelles Lagerfeuer – wem etwas einfällt, der wirft es einfach dazu. So sehr, dass Urheber Gsella irgendwann dazu aufrief, man möge sich doch langsam mal wieder um seine Tiere und Kinder kümmern. Lachen, gemeinsam noch dazu, in Zeiten der Isolation. Indem man sich mal anders mit dem Thema beschäftigt, das ohnehin alles beherrscht. Hamsterkäufe, Krankheit, Netflix, Börsencrash, Nudelknappheit – alle Aspekte der aktuellen Realität (selbst-)ironisch abgehandelt. Galgenhumor eben dann, wenn man trotzdem lacht.

Wohltuender Fatalismus

Die Frage ist ja ohnehin, gegen wen richtet sich die Pointe? Zu Beispiel gegen Hamsterkäufer, die durch Witze dieser Art ein wenig durch den Kakao gezogen werden mit der Botschaft: Was ihr macht, ist Quatsch. Und nebenbei unsolidarisch.

Angst und Unsicherheit werden uns noch eine Weile begleiten, das wissen wir; viel mehr wissen wir nicht. Filmemacher Billy Wilder hat in seinem Meisterwerk „Eins, zwei, drei“ einen Charakter sagen lassen: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Fast ein wohltuender Fatalismus. Und noch schöner zu wissen, dass es am Ende eben umgekehrt ist.

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