„Wir vertrauen einander. Wir brauchen keine Verbote“

Stand: 30.03.2020 | Von Lovisa Herold, Göteborg

Fast normal geht das Leben in Schweden weiter, während der Rest Europas sich aus Angst vor dem Virus verbarrikadiert. Auch unsere Autorin trifft weiterhin ihre Freunde – und erklärt, was der schwedische Sonderweg mit Waschküchen zu tun hat.

Um fünf Uhr am Nachmittag sammle ich meine Wäsche zusammen und gehe in die Waschküche im Keller meines Mietshauses, einen Raum, den ich mit meinen Nachbarn teile. Die kommenden drei Stunden darf ich die gemeinsamen Waschmaschinen benutzen, bevor ich sie reinige und den Raum ordentlich zurücklasse.

Die geteilten Waschküchen sind in schwedischen Mietshäusern die Regel. Sie sind kostenfrei, alle buchen ihre Zeit und kümmern sich gemeinsam um den Erhalt. Wer nicht saubermacht, seine Zeit überschreitet oder seine Unterhosen in der Maschine zurücklässt, muss kein Bußgeld zahlen und bekommt keine Strafe. Die Person bricht aber mit den gemeinsamen Regeln und Normen und muss einen Ausschluss aus der Gemeinschaft befürchten. Das permanente Ansinnen, nicht aus der Gemeinschaft herauszufallen, regiert den schwedischen Alltag. Wir vertrauen einander und dem System und wollen es deswegen schützen.

Ähnlich wie mit der Wäsche ist es auch mit dem Umgang mit dem neuartigen Coronavirus. „Es geht um gesunden Menschenverstand“, sagt der schwedische Staatsminister Stefan Löfven. Der Kurs der schwedischen Regierung in der Corona-Krise verwundert Menschen in ganz Europa. Fast ohne Verbote geht das Leben in der Mitte Skandinaviens weiter, während sich der Rest Europas verbarrikadiert. Viele fragen sich: Wie ist das möglich?

Während sich in Deutschland die Leute sprichwörtlich aus dem Weg gehen müssen, können die Schweden in Gruppen bis zu 50 Personen weiter feiern. Während die Franzosen ein Dokument brauchen, um zur Apotheke gehen zu können, genießen Familien in Schweden das Frühlingswetter im Park. Die Kinder gehen in den Kindergarten, viele Restaurants sind geöffnet. Wer möchte, kann der Corona-Angst im Fitnessstudio oder Schwimmbad entgegenwirken.

Der Mann hinter dieser Strategie im Kampf gegen das Virus ist der oberste staatliche Epidemiologe, Anders Tegnell. Er gehört zur Volksgesundheitsbehörde und gibt täglich Empfehlungen an die Bevölkerung. Seine Botschaft: Seid vernünftig!

„Bitte, besuchen Sie Ihre älteren Verwandten nicht.“

„Wenn Sie zu einer Risikogruppe gehören, begrenzen Sie bitte Ihre sozialen Kontakte.“

„Wer eine Reise geplant hat, sollte gründlich überlegen, ob diese unbedingt notwendig ist.“

Der Epidemiologe mit dem ernsten Gesicht und der Brille bekam viel Gegenwind. Und doch: Die schwedische Bevölkerung hat ihr Verhalten geändert. Entsprechend einer Untersuchung der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ und des Meinungsforschungsinstitutes Ipsos haben 66 Prozent der Schweden Reisen undTreffen mit anderen Menschen freiwillig abgesagt, 65 Prozent der Menschen haben vermieden, mit dem öffentlichen Nahverkehr zu reisen, und 43 Prozent haben sich dafür entschieden, von zu Hause aus zu arbeiten.

Bo Rothstein, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göteborg und der Universität Oxford, erklärt das mit einer gesellschaftlichen Besonderheit der Schweden. „Es geht um Zuversicht und Vertrauen“, sagt er. „Die Schweden haben im internationalen Vergleich sehr hohes Vertrauen sowohl ineinander als auch in die Behörden. Dieses Vertrauen funktioniert wie ein soziales Kapital und macht es möglich, mehr freiwillige Abmachungen als in anderen Ländern mit vergleichsweise schwachem Vertrauen zu treffen.“

In der Untersuchung World Value Survey aus dem Jahr 2018 wurden Menschen in verschiedenen Ländern gefragt, ob sie glauben, dass anderen Menschen generell vertraut werden kann. In Schweden haben 60,1 Prozent diese Frage bejaht. In Deutschland hingegen betrug die Zustimmung nur 44,6 Prozent. Auch das Vertrauen in die Regierung ist in Schweden hoch. Insgesamt stimmten 59,9 Prozent der Aussage zu, sie hätten viel oder ziemlich viel Vertrauen in die Regierung, in Deutschland waren es nur 44,4 Prozent.

Was andere als schwedische Naivität betrachten, erklärt Rothstein mit einem gegenseitigen gesellschaftlichen Vertrauen, welches zu einem positiven Blick in die Zukunft führt.

Auch für den Epidemiologen Anders Tegnell ist Zwang in Schweden nicht das Mittel der Wahl. Als er am Mittwochabend in „Aktuell“, dem schwedischen Äquivalent zur deutschen „Tagesschau“, gefragt wurde, warum in Schweden die Strategie so anders ist als in den restlichen europäischen Ländern, antwortete er: „Andere Länder haben andere Traditionen, weswegen diese vielleicht härtere Regeln brauchen.“

Wer die Bilder vonschwedischen Après-Ski gesehen hat, könnte den Eindruck gewinnen, die Schweden bräuchten offenbar doch Regeln. Den Nachrichten von Corona-infizierten Skifahrern in Österreich zum Trotz haben Hunderte Menschen in den letzten Wochen Schweiß, Bier und Bakterien im schwedischen Skiort Åre ausgetauscht. Zu viel Vertrauen und zu wenig Vernunft? Jetzt müssen solche Veranstaltungen unter freiem Himmel stattfinden.

„Wir können uns nicht isolieren“

In den Städten gehen viele junge Menschen noch immer gern aus. Vor einer Woche traf ich Louise Carlén, die ihren 29. Geburtstag zusammen mit Freunden in einem Restaurant in Göteborg feierte. „Hier muss man normalerweise ewig auf einen freien Tisch warten“, sagte Carlén. Sie betreibt selbst ein Restaurant und bekommt die Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft am eigenen Leib zu spüren. Restaurants, Cafés und Kneipen in Schweden dürfen zwar weiterhin öffnen, müssen aber versichern, dass alle Gäste Abstand voneinander halten können. „Wir, die jung und gesund sind, müssen die anderen Restaurants unterstützen. Wir können uns nicht isolieren“, sagt sie.

Ein solches Verhalten gehört tatsächlich zum Plan des Epidemiologen Tegnell. Die Strategie ist nicht, dass niemand krank wird, sondern dass sich nicht alle Einwohner zur selben Zeit mit dem Virus infizieren. Als europäische sowie nationale Medien die Frage stellten, ob er und die Behörde bereit wären, strengere Maßnahmen einzuleiten, entgegnete Tegnell im Fernsehstudio entschieden: „Es gibt keine Zeichen, welche darauf hindeuten, dass andere Länder besser als wir zurechtkommen. Alle Länder werden unterschiedliche Krisen erleben. Wir müssen für uns entscheiden, was zu uns passt.“ Zum Kern der Tegnell-Strategie gehört auch, die Wirtschaft nicht frühzeitig komplett zum Erliegen zu bringen und den Menschen eine monatelange Isolation zu ersparen.

Eine weitere Erklärung für den schwedischen Weg in der Corona-Krise sei im politischen System zu verorten, sagt die dänische Professorin für Politikwissenschaft an der Universität in Stockholm, Drude Dahlerup. Ein schwedischer Minister hat nur sehr begrenzt Einfluss auf eine Behörde. Das sieht Dahlerup als mögliche Erklärung für die starke Rolle Tegnells und die Abstinenz von rigidem politischem Handeln. „In Dänemark ist Regierungschefin Mette Frederiksen die sammelnde Kraft. In Schweden sind es Anders Tegnell und die Volkgesundheitsbehörde“, sagt sie. Sie prognostiziert jedoch auch, die Strategie Schwedens werde sich den anderen Ländern anpassen, wenn sich das Virus weiterverbreitet.

Staatswissenschaftler Bo Rothstein warnt vor den Nebeneffekten von strengen Einschränkungen: „Es bringt enorme Kosten mit sich, solche Verbote durchzusetzen, Strafen zu erteilen und die Kontrolle zu behalten. Darüber hinaus sehen wir Einschränkungen der demokratischen Rechte.“

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https://www.welt.de/politik/ausland/plus206893427/Corona-in-Schweden-Wir-vertrauen-einander-Wir-brauchen-keine-Verbote.html

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