Der völlig irrationale Umgang mit dem Coronavirus

Von Christian Schade – http://www.welt.de

Der Mensch trifft seine Entscheidungen nicht aus rationalen Gründen, sondern allein, weil er von Sorge getrieben ist. Der Berliner Professor für Risikoforschung, Christian Schade, erklärt, was das für unser Handeln in der Coronakrise bedeutet.

In Zeiten von Corona kann man Vieles erleben. Auch Dinge die, trotz aller Probleme, zum Schmunzeln einladen. Manche Leute laufen plötzlich mit Handschuhen herum, allerdings mit Lederhandschuhen, von denen nicht ganz klar ist, wie sie gegen den Virus schützen sollen.

Andere tragen zwar Gummihandschuhe, wie zum Beispiel unser bevorzugter Eisverkäufer. Er fasst aber mit beiden Händen Geld und Eistüten an. Und weiß er, wie er die Handschuhe später wieder auszieht, ohne sich möglicherweise dann zu infizieren?

Wieder andere laufen mit Atemschutzmasken herum, holen dann beim Italiener aber den Salat mit Thunfisch ab. Und Salat ist nur dann, wie man nachlesen kann, virusfrei, wenn er mit 60 Grad gewaschen wurde. (Oder ist diese Information schon wieder überholt?

Da der Salat nach einer „60-Grad-Wäsche“ nicht mehr schmeckt, wird dies der Koch im italienischen Restaurant jedenfalls nicht so gehandhabt haben.

Was all diese Beispiele gemeinsam haben, das ist der irrationale Umgang mit dem Corona-Risiko.

Ein rationaler Entscheider, also ein Bürger, Arzt, oder Politiker, sollte Handlungsweisen ergreifen, die das Risiko von Corona senken. Allerdings, und das ist sehr wichtig, auch nur in einem Rahmen, das dem tatsächlichen Corona-Risiko angemessen ist.

Das wiederum ist, bei aller Unsicherheit durch ausländische Erfahrungen und allen Unterschieden im Hinblick auf Vorerkrankungen und Lebensalter, in Deutschland wohl nicht riesig groß ist. Dabei meine ich das Risiko, an den Folgen der Infektion zu sterben, das in Deutschland für eine Durchschnittsperson laut Aussage von Virologen unter einem Prozent liegt.

Ich möchte das Corona-Risiko hier nicht verharmlosen, aber das subjektive Gefühl, bedroht zu sein, scheint mir bei vielen Personen deutlich größer zu sein als diesem Risiko angemessen. Wie kommt das?

Wir wissen, dass Menschen große Probleme im Umgang mit sogenannten low-probability-high-consequence-Situationen haben, also mit solchen Situationen, in denen etwas Schlimmes passieren kann, die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passieren kann aber klein ist.

Die Einschätzungsprobleme werden noch größer, wenn Unsicherheit dazu kommt, wenn es also nicht mit letzter Sicherheit feststeht, wie klein genau die Wahrscheinlichkeit ist (ob sie nicht vielleicht doch etwas größer ist).

Genau dies ist jedoch die Situation, mit der wir es bei Corona zu tun haben. Und genau dies ist auch die Situation, die ich vor einigen Jahren mit zwei Kollegen im Entscheidungslabor (und zwar mit echten Risiken und mit echtem Geld) untersucht habe.

Was haben wir herausgefunden?

Zuerst einmal, dass Wahrscheinlichkeiten kaum eine Rolle für die Entscheidungen über Schutzmaßnahmen spielen. Das ist für jeden, der an rationale Entscheidungen glaubt (ich gehöre nicht dazu), wirklich verwirrend.

Manchmal wirken sich selbst wesentliche Vervielfachungen des Risikos nicht auf das Verhalten der Personen aus (und damit auch eine wesentliche Verkleinerung des Risikos nicht).

Besorgtheit bestimmt uns mehr als Wahrscheinlichkeit

Stattdessen werden die Entscheidungen durch einen ganz anderen Treiber bestimmt: und dieser ist Besorgtheit! Besorgtheit ist für das Verhalten also wesentlich wichtiger als Wahrscheinlichkeit.

Machen Leute sich große Sorgen, dann ergreifen sie mehr Maßnahmen gegen das Risiko, machen sie sich weniger Sorgen, dann tun sie weniger dagegen. Dies können schon auch einmal Schutzmaßnahmen sein, die rational betrachtet wenig Wirkung haben.

Sie haben dann vor allem den Effekt, die Mühle der inneren Sorgen zu beruhigen. Im Englischen spricht man hier, sehr anschaulich, von einem Streben nach peace-of-mind.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat alle Menschen dazu aufgerufen, im Kampf gegen das Coronavirus zusammenzustehen. Dabei formuliert er auch eine klare Botschaft.

Nun hat die mehr oder weniger große Besorgtheit, um deren Reduktion es den Menschen wohl primär geht und die – neben Unwissenheit – damit einen wesentlichen Anteil an der Erklärung der „verrückten“ Verhaltensweisen zu Beginn dieses Artikels hat, drei wesentliche Ursachen.

Erstens gibt es Personen, die dazu tendieren, sich mehr Sorgen zu machen als andere: high-worrier.

Zweitens rufen manche Situationen mehr Besorgtheit wach als andere – in denen das Risiko objektiv gleich groß ist – und manche Schutzmaßnahmen, seien sie auch noch so irrational, tragen zu ihrer Bewältigung, und damit zur Herstellung des peace-of-mind bei.

Drittens hat die Außenwelt, also die Panik anderer Menschen, die Berichterstattung in den Medien und die Politik einen Einfluss auf das Sorgenniveau. Diese Faktoren werden zu einer Art „Richtschnur“ für das eigene Sorgenniveau.

Und ergreift die Politik drastische, nie zuvor dagewesene Maßnahmen und das Fernsehen schaltet jeden Abend eine Sondersendung, dann steigen die Sorgen der anderen, und die allgemeine Panik befördert die eigene.

Aber kehren wir noch einmal zum Beispiel der Person mit der Atemschutzmaske und dem italienischen Salat zurück. Offenbar macht sich die Person keine Sorgen, dass der Virus auf dem Salat gelandet sein könnte, vertraut der – zeitnahen – Lieferkette und dem Koch also mehr oder weniger blind (obwohl, oder vielleicht gerade weil diese Akteure anonym sind).

Gleichzeitig misstraut sie aber den Mitmenschen in ihrer unmittelbaren Umgebung, da sie die Atemluft für potenziell kontaminiert hält. Sie ist also nicht einfach ein high-worrier, sondern das Ausmaß der Sorgen ist kontextabhängig.

Vielleicht ist auch die Tatsache, dass sie aktiv handelt, also die Atemschutzmaske aufzieht, ein guter Schutz gegen Sorgen. Ob das Risiko hier objektiv reduziert wird oder es nur zu einer sogenannten Kontrollillusion kommt, das liegt natürlich auch an der Qualität der (gerade erwerbbaren) Maske.

An dieser Stelle ist Sarkasmus völlig unangebracht. Hier kann es nur um Aufklärung an prominenter Stelle gehen, um die öffentliche, klare und einfach verständliche Kommunikation geeigneter und ungeeigneter, individuell durchführbarer Schutzmaßnahmen gegen Corona. Im Grunde also um so etwas wie public teaching.

Aber nicht nur im Internet, das von alten Menschen oft nicht benutzt wird. Und nicht nur mit „erhobenem Zeigefinger“, wie man andere schützen sollte! Auch die – einfach durchführbare und einfach zu findende – Anleitung zur Selbsteinstufung in eine Risikogruppe, in Form eines Punkteschemas, wäre hier äußerst sinnvoll.

Und die Empfehlung, bei einer klaren Zuordnung zu einer objektiv hoch gefährdeten Gruppe, zu Hause zu bleiben. All diese Maßnahmen hätten weitaus weniger drastische Konsequenzen für unser Sozialleben und für die Wirtschaft als generelle Kontaktsperren.

Aus unserer oben genannten Studie lässt sich noch ein weiterer Sachverhalt entnehmen. Es gibt immer eine Gruppe von Personen, die bestimmte Risiken komplett verdrängen, die die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen oder anderen etwas passieren könnte, gleich Null setzen.

Diese Personen sind oft durch ein sehr niedriges Besorgtheitsniveau gekennzeichnet und sind vielleicht die Personen, die durch Corona-Partys etc. auffallen (die aber auch einen Mechanismus zur Bewältigung von Angst darstellen könnten).

Hier ist es besonders schwer mit Maßnahmen oder public teaching anzusetzen, da das Basisniveau der Besorgtheit, das zu einem Ernstnehmen der Maßnahmen führen könnte, nicht gegeben ist. Insofern könnte man auch diskutieren, Risikogruppen, über eine Selbsteinstufung hinaus, durch schärfere Regelungen als bei den anderen Personen in ihrer Freiheit einzugrenzen, um sie vor den „Sorgenfreien“ zu schützen.

Auch hier könnte die Konsequenz darin bestehen, den Rest der Bevölkerung ein weitgehend „normales“ Leben führen zu lassen, und für diese Mehrheit auf die Wirkung der Maßnahmen des public teaching zu setzen.

Denn dieser Rest der Bevölkerung wäre dann eventuell nur noch einem Risiko ausgesetzt, das nicht mehr wesentlich über dem einer Influenza-Infektion läge, die ja auch tödlich verlaufen kann. Für solche Entscheidungen müssten dann natürlich auch die Politiker das Niveau ihrer Sorgen in den Griff bekommen.

Christian Schade ist Professor an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität und erforscht dort, warum Menschen und Unternehmen innovative Entscheidungen treffen – und warum manchmal nicht.

Quelle: WELT/ Stefan Wittmann© Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.

https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus207050777/Risikoforschung-Der-voellig-irrationale-Umgang-mit-dem-Coronavirus.html

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