Gott muss in die Supermärkte

Kommen die Menschen in Zeiten der Corona-Epidemie nicht mehr in die Gotteshäuser, muss die Kirche zu den Menschen gehen. Ein Vorschlag.

http://www.die-tagespost.de – Guido Horst – 09.04.2020

ie heidnische Variante des christlichen Osterfestes, der Osterhasen-Kult mit seinen Riten, ist in diesem Jahr besonders gefragt. Gerade jetzt, da die Gottesdienste der heiligen Woche ausfallen und man statt des Osterausflugs oder des Restaurantbesuchs mit der Familie in den eigenen vier Wänden vorlieb nehmen muss, versorgen einen die Supermärkte mit den passenden „Sakramentalien“, seitdem pünktlich zum Aschermittwoch der Faschingskrempel aus den Regalen geräumt war: Der Schokoladen-Osterhase, die gefärbten festgekochten Hühnereier und ihre Pendants in Zuckerguss und Marzipan, die Hasennester mit ihren Süßigkeiten und die Malbücher für die Kleinsten mit den Häschenmotiven. Der Kommerzialiserung, die sich von Halloween bis Ostern durch die einst christlichen Feiertage schwingt, kann auch die Corona-Krise nichts anhaben. Da gibt es ja die Supermärkte, die zu den Kultorten der Konsumgesellschaft in Zeiten verwaister öffentlicher Gebäude – Kirchen eingeschlossen – geworden sind.

Die Corona-Krise hat das kirchliche Leben abrupt gedrosselt. Wenn amtliche Verkündigung und Liturgie nun nur eingeschränkt möglich sind, sind alle Getauften stärker in der Pflicht. Die Situation verlangt von der Kirche eine zeitgemäße Spiritualität der Laien.

Der Kirche, die jetzt darum ringt, wie sie noch präsent sein kann, wenn sich das seelsorgliche „Angebot“ auf die virtuellen Medien beschränkt, bietet sich hier eine ungeahnte Chance, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben: Sie muss in die Supermärkte, mit einem eigenen Stand. Wer kennt sie nicht, die kleinen Werbe- und Verkaufsflächen, an denen kommerzielle Anbieter dort ihre Stabsauger, Schneide- und Reinigungswerkzeuge oder die allerneueste Espressomaschine vorführen und anbieten. Dasselbe sieht man auf den Wochenmärkten, die ja immerhin noch stattfinden dürfen. Ein Stand der örtlichen Kirche beim Discounter oder auf dem Wochenmarkt sähe anders aus: Es gäbe Bibeln, geistliche Literatur und Rosenkränze, Kruzifixe, Marienbilder und Kerzen für den kleinen Herrgottswinkel, Katechesen im Video- und Audioformat, wundertätige Medaillen und Reproduktionen religöser Kunst.

Wichtiger noch, was es umsonst gäbe. Neben den Prospekten mit den Wallfahrten und biblischen Reisen des diözesanen Pilgerbüros für das Jahr 2021 wären das: Weihwasser in einfachen Gefäßen, am jüngsten Palmsonntag gesegnete Palmzweige, Mailadresse und Nummer der zuständigen  Telefonseelsorge, Vordrucke für Gebetsanliegen, die der örtlichen Pfarrer in seine nächste (private) Messe hineinnehmen kann. Wichtiger noch wäre das tröstende Wort des Standpersonals, das man auch durch die Mundschutzmaske sprechen kann. Und wenn sich neben Gemeindereferenten, Pastoralassistenten, Ehrenamtlichen und freiwilligen Messdienern auch ein als solcher erkenntlicher Priester an dem Stand blicken ließe: ein kurzer Segen für den Standbesucher.

Nicht jeder kann einfach so einen Stand aufbauen. Dazu bedarf es einer Genehmigung. Bei den Wochenmärkten erteilt sie in der Regel die Kommune, bei den Supermärkten die Betreiber dieser Ketten. Doch die Kirche in Deutschland ist stolz darauf, schon längst in der Gesellschaft, auch bei der lokalen Politik und den Unternehmen, angekommen zu sein. Nicht bei allen. Bei einigen aber schon. Vielleicht nicht in Mecklenburg, Hamburg oder Berlin. Aber in Bayern und in so manchen Regionen des Rheinlands, Sauerlands, Westfalens und Baden-Württembergs. Für Ostern ist es vielleicht schon zu spät. Aber Corona wird uns noch lange erhalten bleiben. Und eine Notfall-Pastoral sollte man in wenigen Tagen organisieren können.

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