Die Untertänigkeit der Menschen ist schon erstaunlich

Von Johannes Boie – Chefredakteur WELT AM SONNTAG – 13.04.2020

Wer sich wegen eingeschränkter Freiheiten an eine Diktatur erinnert fühlt, hat womöglich noch nie mit Menschen gesprochen, die in einer Diktatur gelebt haben. Dennoch gibt die derzeitige Situation sehr zu denken.

Grünen-Chef Robert Habeck sprach neulich bei Maybrit Illner im ZDF davon, dass sich die Inkubationszeit bei der Corona-Krankheit alle zwei Tage verdoppeln könnte. Tatsächlich meinte er wohl, soweit man ihm folgen konnte, eine mögliche Verdopplung der Infektionszahlen. Vielleicht war es dieser Fehler, der den Grünen-Chef dazu bewog, sich über Ostern nochmal dem Stoff der Mittelstufe zu widmen.

Nicht nur dem aus dem Biologie-Unterricht, er liest jetzt „Die Pest“ von Albert Camus, was kein Fehler ist, im Gegenteil, das Buch ist eines der großartigsten, die man lesen kann. Seine Lektüre entnahm ich Habecks Instagram-Kanal, auf dem er ein überhaupt nicht gestelltes Foto von sich beim Lesen veröffentlichte.

Mir fiel dabei noch ein anderes Buch aus der Schulzeit ein, das man jetzt lesen könnte. „Der Untertan“ von Heinrich Mann. Bevor man mich falsch versteht, ein Hinweis: Ich glaube, dass es richtig ist, die Ausbreitung des Virus mit drastischen Maßnahmen zu bekämpfen. WELT AM SONNTAG war vielleicht die erste Redaktion in Deutschland, die vor Wochen schon als Vorsichtsmaßnahme nahezu komplett aus dem „Homeoffice“ entstanden ist. Und wenn nun Kritiker der Regierung des Wegs kommen, die sich wegen der eingeschränkten Freiheit an eine Diktatur erinnert fühlen, dann haben die womöglich noch nie mit Menschen gesprochen, die in einer Diktatur gelebt haben.

Trotzdem bin ich erstaunt darüber, mit welcher Untertänigkeit der Souverän die Maßnahmen und ihre Verkündung oft hinnimmt. Und wie drastisch manche sind: Vor ein paar Tagen telefonierte ich mit der Schriftstellerin Monika Maron. Sie wohnt von Frühjahr bis Herbst in einer kleinen Siedlung in Mecklenburg-Vorpommern, im Winter zieht sie an ihren Erstwohnsitz ins dicht besiedelte Berlin. Nun will das Bundesland sie zurück in den Stadtstaat zwingen.

Maron erhielt ein Schreiben, Titel: „Ausreiseverfügung“, Text: „Ich fordere sie (sic!) auf … das Land Mecklenburg-Vorpommern unverzüglich … zu verlassen.“ Offenbar gebe es für den Fall des Falles nicht genügend Krankenhausplätze. Maron ist 79 Jahre alt und in Berlin stärker gefährdet als auf dem Land. Vorerst blieb sie. Man wird sehen, wie lange das gut geht. Andere sehr ordentlich-deutsche Fälle: Von Bauzäunen versperrte Bänke, damit niemand auf die Idee kommt, sich in Corona-Zeiten zu setzen.

Eisverkäufer, die nicht ermahnt, sondern mit Bußgeld bestraft werden. In Sachsen werden Psychiatrie-Zimmer freigeräumt, um allzu freiheitsliebende Bürger zur Not einsperren zu können. Und in zunehmendem Ausmaß Menschen, die die Polizei rufen, weil sie der Meinung sind, dass sich ihre Nachbarn nicht Corona-angemessen verhalten. Wer essentielle Freiheiten aufgebe, um ein wenig temporäre Sicherheit zu gewinnen, verdiene beides nicht, sagte Benjamin Franklin. Das Zitat sollte uns als Mahnung dienen, gerade in einer Zeit, in der Sicherheit zweifellos besonders wichtig ist.

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