Wir haben eine Verabredung mit dem Tod

Stand: 12.04.2020 | Von Slavoj Žižek – http://www.welt.de

In der Viruskrise finden wir uns selbst? Im Gegenteil. Wir erleben das Ende der liberal-kapitalistischen Ordnung. Und der ein oder andere Mächtige weiß es schon – und ist bereit, Menschenleben zu opfern.

Erinnern Sie sich an den zweiten Mord in Hitchcocks „Psycho“ (der Mord an Detective Arbogast)? Der Mord an Arbogast ist eigentlich noch überraschender als der berühmte Mord unter der Dusche. Denn obwohl die filmische Umsetzung schon zu Beginn der Duschszene etwas Schockierendes vermuten ließ, war auch dieser Mord eine vollkommene Überraschung für den Zuschauer.

Und so drängt sich die Frage auf, warum wir so verblüfft sind, wenn genau das geschieht, was uns bereits angekündigt wurde. Die offensichtliche Antwort lautet: weil wir nicht wirklich geglaubt haben, dass es geschehen würde.

Nun ist im Zusammenhang mit der Verbreitung des Coronavirus offenbar etwas Ähnliches geschehen: Epidemiologen haben uns gewarnt, dass das Virus auch uns erreichen würde, sie haben genaue Vorhersagen getroffen, die sich jetzt als korrekt herausstellen.

Greta Thunberg hatte recht, als sie sagte, dass Politiker auf die Wissenschaft hören sollten, doch wir vertrauten lieber unserem „Gespür“ (Trump hat dieses Wort verwendet) – und es ist leicht nachzuvollziehen, warum. Was hier vor sich geht, ist etwas, was wir bislang für unmöglich hielten.

Die Grundkoordinaten unserer Lebenswelt kommen uns abhanden. So war unsere erste Reaktion, dass es sich um einen Albtraum handeln müsse, aus dem wir bald wieder erwachen würden. Heute wissen wir, dass das nicht geschehen wird und dass wir werden lernen müssen, in einer viralen Welt zu leben. So schmerzlich es auch sein mag, wir werden eine neue Lebenswelt für uns erschaffen müssen.

Kann man dem Tod absagen?

Doch es gibt noch eine andere Verquickung von Sprache und Realität, die im Rahmen der andauernden Pandemie zum Tragen kommt: Man teilt uns mit, dass ein katastrophales Ereignis X über uns hereinbrechen wird, und erst indem wir versuchen, es zu vermeiden, bringen wir den eigentlichen Stein ins Rollen.

Denken wir an die alte arabische Geschichte „Begegnung in Samara“, nacherzählt von W. Somerset Maugham: Ein Diener, der von seinem Herrn für einen Botengang auf den belebten Markt in Bagdad geschickt wird, begegnet dort dem Tod.

Erschrocken über den Anblick rennt er nach Hause zu seinem Herrn und bittet ihn um ein Pferd, damit er nach Samara reiten kann. Da Samara eine ganze Tagesreise von Bagdad entfernt liegt, hofft er, dass der Tod ihn an diesem Abend nicht wird finden können.

Der gute Herr stellt dem Diener nicht bloß ein Pferd zur Verfügung, sondern begibt sich auch noch selbst auf den Markt und sucht den Tod, um ihn dafür zu schelten, dass er seinen treuen Diener so sehr erschreckt hat. Der Tod entgegnet ihm: „Aber ich wollte deinen Diener doch gar nicht erschrecken. Ich war bloß überrascht, ihn hier zu sehen, wo ich doch am heutigen Abend eine Verabredung in Samara mit ihm habe.“

Was, wenn die Moral von der Geschichte nicht lautet, dass das Ableben eines Menschen unvermeidlich ist, sondern dass jeder Versuch, sich dem zu entziehen, das Ganze nur noch unausweichlicher macht? Was wäre, wenn wir annehmen würden, dass man nämlich dem Zugriff des Schicksals sehr wohl entkommen kann, indem man seine Unausweichlichkeit akzeptiert.

Den Eltern von Ödipus wurde vorausgesagt, dass ihr Sohn den eigenen Vater töten und seine Mutter heiraten würde, und am Ende waren es genau jene Schritte, die sie unternahmen, um das zu vermeiden (dass sie ihn im tiefsten Wald aussetzten und seinen Tod in Kauf nahmen), die zur Erfüllung der Prophezeiung führen würden.

Ohne diesen Versuch, das Schicksal zu umgehen, hätte es niemals seinen Lauf nehmen können. Und handelt es sich hierbei nicht um das beste Gleichnis für die US-Intervention im Irak?

Ist Herdenimmunität unsere einzige Chance?

Die USA nahmen die Signale der fundamentalistischen Bedrohung wahr, intervenierten, um eine Hinwendung zum Fundamentalismus zu verhindern, und taten am Ende nichts anderes, als sie voranzutreiben. Wäre es nicht wesentlich effektiver gewesen, die Bedrohung zu ignorieren und ihr auf diese Art den Zugriff zu verweigern?

Nun also zurück zu unserer Geschichte. Man stelle sich vor, der Diener hätte sich auf dem Markt direkt an den Tod gewandt: „Was hast du für ein Problem mit mir? Wenn du mir etwas tun willst, dann tue es, ansonsten hau ab!” Der Tod wäre wesentlich überraschter gewesen, wahrscheinlich hätte er sich etwas zurechtgemurmelt wie: „Aber wir sollten uns doch in Samara begegnen, hier kann ich dich nicht töten!“, und wäre dann davongerannt (wahrscheinlich nach Samara).

Auf einen ähnlichen Effekt zählen jene, die im Zusammenhang mit dem Coronavirus eine sogenannte Herdenimmunität zu generieren suchen: „Das erklärte Ziel besteht darin, einen Zustand der ‚Herdenimmunität’ zu erreichen, um den Ausbruch im Griff zu behalten und eine katastrophale zweite Welle im nächsten Winter zu umgehen … Ein großer Teil der Bevölkerung hat ein geringeres Risiko für einen schweren Verlauf der Krankheit: grob gesagt, die meisten Menschen unter 40. In einer idealen Welt würden wir niemandem das Risiko einer Infektion zumuten wollen, doch eine Immunität in den jüngeren Generationen herzustellen, könnte den Rest der Bevölkerung schützen.”

Die Idee ist also, dass wir uns so verhalten, als wären wir unwissend, dass wir die Bedrohung einfach ignorieren und hoffen, dass der Schaden tatsächlich kleiner ausfällt, als wenn wir uns planmäßig verhalten hätten. Davon versuchen uns jedenfalls konservative Populisten zu überzeugen. Unsere Verabredung in Samara besteht demnach in dem Verlust unserer wirtschaftlichen Ordnung und unserer Art zu leben.

Hören wir also auf die Warnungen der Epidemiologen und entziehen uns (durch Isolation und Lockdown), werden wir eine wesentlich größere Katastrophe heraufbeschwören (Armut und Leid), als es die geringe Prozentzahl von Todesfällen durch das Virus getan hätte, so die Argumentation.

Doch ist die Aussage „Lasst uns zur Arbeit zurückkehren“, wie auch Alenka Zupancic bereits deutlich gemacht hat, beispielhaft für Trumps Unehrlichkeit im Zusammenhang mit seiner vermeintlichen Sorge um die Arbeiterklasse: Er wendet sich an einfache, schlecht bezahlte Menschen, für die diese Pandemie auch eine ökonomische Katastrophe darstellt, Menschen, die sich Isolation gar nicht leisten können und für die der ökonomische Zusammenbruch eine viel größere Bedrohung darstellt als das Virus.

Der Haken ist an dieser Stelle gleich ein doppelter: Zunächst ist es Trumps Wirtschaftspolitik (die Demontage des Wohlfahrtsstaates), die überhaupt erst dazu führt, dass viele schlecht bezahlte Arbeiter sich in einer so düsteren Lage befinden, dass Armut für sie das größere Risiko darstellt als das Virus. Zweitens werden es tatsächlich sie sein, die „zur Arbeit gehen“, während die Reichen es sich in der Isolation gemütlich machen.

Die Isolation können sich nicht alle leisten

Wir sollten stets bedenken, dass es jene gibt, die sich nicht in die Isolation zurückziehen können, und zwar damit wir anderen es tun können – und damit meine ich nicht nur diejenigen, die im Gesundheits- oder Lebensmittelwesen tätig sind, die Zusteller und diejenigen, die unsere Infrastruktur wie beispielsweise die Wasser- und Elektrizitätsversorgung aufrechterhalten, sondern auch Flüchtlinge und Migranten, die schlicht und einfach kein „Zuhause“ haben, in das sie sich zurückziehen könnten, um die entsprechende Selbstisolation zu praktizieren.

Wie möchte man den Tausenden, die in einem Flüchtlingslager eingepfercht sind, erklären, dass sie Abstand voneinander halten sollen? Man erinnere sich nur an das Chaos, das in Indien ausbrach, als die Regierung einen 14-tägigen Lockdown anordnete und Millionen Menschen versuchten, aus den großen Städten raus aufs Land zu gelangen.

All das deutet auf die fatale Begrenztheit der linksliberalen Sorge, dass die gesteigerte soziale Kontrolle, die die Bedrohung durch das Virus ausgelöst hat, bleiben und unsere Freiheiten auch weiterhin einschränken wird, da Individuen, die die Angst ums eigene Überleben umtreibt, eben ganz besonders leicht zu regieren sind.

Diese Gefahr ist tatsächlich sehr real – ein extremer Fall ist der Viktor Orbáns, der ein Gesetz verabschiedet hat, das es ihm auf unbestimmte Zeit erlaubt, mit absoluter Macht zu regieren. Und doch haben die Besorgten versäumt wahrzunehmen, was sich hier und heute tatsächlich abspielt – nämlich quasi das genaue Gegenteil. Obwohl die Machthabenden versuchen, uns für den Ausgang der Krise verantwortlich zu machen (den empfohlenen Abstand einzuhalten, Anordnungen zu folgen – jeder Einzelne von euch ist nun verantwortlich …), ist das genaue Gegenteil der Fall.

Die Botschaft von uns, den Regierten, an die Staatsmacht lautet: Wir folgen gern euren Anweisungen, aber es sind eure Anweisungen, und es gibt keine Garantie dafür, dass unser Gehorsam auch mit Erfolg gekrönt sein wird. Die Staatsmacht ist in Panik, weil sie weiß, dass sie die Situation nicht nur nicht im Griff hat, sondern dass wir, ihre Subjekte, das wissen, dass die Ohnmacht der Macht sich offenbart hat. Wir alle kennen die klassische Szene aus dem Cartoon: Die Katze erreicht das Ende der Klippe, aber sie rennt einfach weiter, wobei sie die Tatsache ignoriert, dass sie keinerlei Boden mehr unter den Füßen hat. Erst als sie hinunterschaut und den Abgrund bemerkt, beginnt sie zu fallen.

Wenn die Regierung ihre Autorität verliert, ist sie wie die Katze über dem Abgrund: Der Absturz beginnt in dem Moment, wo man sie dazu bringt hinabzuschauen … Doch es funktioniert auch umgekehrt: Wenn ein autoritäres Regime auf seine finale Krise zusteuert, erfolgt seine Auflösung in der Regel in zwei Schritten. Vor dem endgültigen Zusammenbruch geht ein mysteriöser Riss durch das Land: Ganz plötzlich scheinen die Menschen zu wissen, dass das Spiel jetzt aus ist, sie haben ganz einfach keine Angst mehr. So verliert das Regime nicht nur seine Legitimation, sondern der Gebrauch seiner Macht wird an sich bereits als ohnmächtige Panikreaktion gewertet.

Die diktatorischen Maßnahmen zeugen von Ohnmacht

In „König der Könige“, einem Standardwerk über die Khomeini-Revolution, identifiziert Ryszard Kapuscinski den Moment, in dem dieser erste Riss entstand: Es begann mit einem einzelnen Demonstranten an einer Kreuzung in Teheran, der sich weigerte zu gehen, als ein Polizist ihn dazu aufforderte. Der Polizist hatte sich beschämt abgewandt, und innerhalb weniger Stunden sprach ganz Teheran über den Vorfall.

Obwohl die Kämpfe auf den Straßen noch wochenlang weitergingen, wussten plötzlich alle, dass das Spiel eigentlich aus war. Es spricht vieles dafür, dass hier und heute etwas sehr Ähnliches stattfindet: All die diktatorischen Maßnahmen, die die Staaten heute ergreifen, machen ihre Ohnmacht doch bloß noch greifbarer.

Wir sollten nicht der Verlockung erliegen, diese Zerrüttung unseres Vertrauens in die Staatsmacht als Chance zu begreifen, uns selbst ohne die Unterstützung des Staates lokal zu organisieren, denn ein effizienter, wenigstens halbwegs vertrauenswürdiger Staat, der auch „liefert“, wird heute mehr gebraucht als je zuvor. Selbstorganisation lokaler Gemeinschaften wird nur im Zusammenspiel mit den Institutionen des Staates und der Wissenschaft funktionieren.

Wir alle sind nunmehr gezwungen zuzugeben, dass die moderne Wissenschaft, trotz einiger, mehr oder weniger sichtbarer, festgefahrener Tendenzen, heutzutage die vorherrschende Form von transkultureller Universalität bietet. Die Epidemie gibt der Wissenschaft eine willkommene Gelegenheit, sich in dieser Rolle zu beweisen.

An dieser Stelle ergibt sich allerdings ein neues Problem: Auch in der Wissenschaft gibt es nicht die eine Autorität, kein einzelnes Subjekt, auf das wir uns vollkommen verlassen, bei dem wir davon ausgehen können, dass es zweifelsfrei weiß, was zu tun wäre. Es gibt eine ganze Reihe ernst zu nehmender Epidemiologen, die angesichts dieser Frage jeweils unterschiedliche Einschätzungen sowie Vorschläge haben. Auch das, was uns als „Daten“ präsentiert wird, basiert natürlich auf unzähligen vorgefertigten Grundannahmen, hat also bereits die unterschiedlichsten Filter durchlaufen: Wie stellt man fest, ob ein geschwächter alter Mensch wirklich an den Folgen des Virus gestorben ist?

Dann ist da die Tatsache, dass noch immer viel mehr Menschen an anderen Erkrankungen versterben. Obwohl diese Feststellung nicht dafür missbraucht werden sollte, die Krise herunterzuspielen, stimmt es doch, dass der alleinige Fokus unserer Gesundheitssysteme auf das Coronavirus zu einer Verschiebung anderer, als weniger dringend eingestufter, Behandlungen geführt hat. (Krebsprophylaxe, die Behandlung von Lebererkrankungen etc.), sodass die strengen Maßnahmen langfristig mehr Schaden anrichten könnten als das Virus an sich.

Von den finsteren ökonomischen Konsequenzen des Lockdowns gar nicht erst zu sprechen – Anfang April gab es in Süditalien bereits die ersten Unruhen unter der jüngst verarmten Bevölkerung um den Zugang zu Lebensmitteln. Diese gingen so weit, dass Lebensmittelgeschäfte in Palermo von der Polizei bewacht werden mussten.

Orchestrierte Panik versus echte Sorge der Mächtigen

Stehen uns denn nur zwei Varianten des Umgangs mit der Situation zur Verfügung? Entweder die totale Kontrolle wie in China oder die laxere Form der „Herdenimmunität“? Es werden schwere Entscheidungen getroffen werden müssen, die nicht ausschließlich auf wissenschaftlicher Expertise basieren können.

Es ist leicht zu unken, dass der Staat die Epidemie als Entschuldigung missbraucht, um eine Art Dauernotstand anzuordnen, doch welche Herangehensweise wollen denn jene umgesetzt sehen, die diese Art von Warnungen verbreiten? Unsere Reaktion auf die Epidemie ist nicht einfach eine von den Machthabenden orchestrierte Panik (warum würde das Großkapital eine Mega-Krise riskieren?), es handelt sich um eine echte und durchaus fundierte Sorge. Doch die fast ausschließlich auf das Coronavirus konzentrierte Berichterstattung der Medien basiert nicht auf neutralen Fakten, sondern orientiert sich ganz klar an einer ideologischen Position.

Vielleicht darf man sich an dieser Stelle eine bescheidene Verschwörungstheorie erlauben: Was, wenn die Repräsentanten der existierenden kapitalistischen Ordnung sich bereits seit einiger Zeit dessen bewusst sind, was kritische marxistische Wirtschafts- und Gesellschaftsanalytiker schon lange behaupten – dass das System, wie wir es kennen, sich in einer tiefen Krise befindet, dass es in dieser liberal-freizügigen Form nicht weitergehen kann. Vielleicht nutzen sie die Situation einfach schamlos aus und versuchen anlässlich der Epidemie, direkt ein neues System zu etablieren.

Die wahrscheinlichste Folge der Epidemie besteht darin, dass sich ein neuer, barbarischer Kapitalismus durchsetzen wird: Viele Alte und Schwache werden geopfert, ja, dem Tod überlassen, Arbeiter werden wesentlich geringere Standards akzeptieren müssen, die digitale Kontrolle unseres Lebens wird ein dauerhaftes Phänomen sein, und Klassenunterschiede werden noch wesentlich stärker, als es heute bereits der Fall ist, eine Frage von Leben und Tod sein. Wie viele der kommunistischen Maßnahmen, zu denen sich die Machthabenden heute gezwungen sehen, werden überhaupt bleiben?

Wir sollten also nicht zu viel Zeit mit spirituellen New-Age-Meditationen verlieren, darüber, wie „die Viruskrise uns dabei helfen wird, uns auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren“. Die zentrale Auseinandersetzung wird sich um die Frage drehen, welche soziale Form den Platz der liberal-kapitalistischen Weltordnung einnehmen wird. Das ist die eigentliche Verabredung in Samara.

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