Die Messwerte der Corona-Ära rütteln am Image des schmutzigen Diesels

von Philipp Vetter – http://www.welt.de – 15.04.2020

Die Corona-Pandemie führt zu deutlich weniger Verkehr. Das müsste eigentlich für sauberere Luft sorgen. Doch die Stickoxidwerte brechen keineswegs ein, wie eine Analyse zeigt. Die Deutsche Umwelthilfe hat auch dafür eine vermeintliche Erklärung.

Es sind Voraussetzungen, wie man sie unter normalen Umständen wohl nie für ein Experiment hätte erzeugen können: Die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote haben zu einer drastischen Reduzierung des Autoverkehrs in den deutschen Innenstädten geführt in den vergangenen Wochen.

So müsste sich durch die Corona-Pandemie eine bislang als Gewissheit geltende Theorie überprüfen lassen: Dieselfahrzeuge sollen die Hauptverursacher von hohen Stickoxid-Belastungen in vielen deutschen Städten sein.

Seit Jahren wird deshalb über Fahrverbote oder Nachrüstungen für ältere Dieselautos diskutiert, um die Überschreitung der geltenden Stickoxid-Grenzwerte in Dutzenden Städten in den Griff zu bekommen. Die Deutsche Umwelthilfe klagt seit vielen Jahren gegen zu hohe Schadstoffbelastungen und hat bereits Fahrverbote wie das in Stuttgart vor Gericht durchgesetzt.

Wenn es also stimmt, dass der Verkehr der entscheidende Faktor für die Höhe der Stickoxid-Werte ist, müssten sie in den vergangenen Wochen analog zu den Verkehrszahlen deutlich eingebrochen sein. Die stündlichen Werte der einzelnen Messstationen in Deutschland sind beim Umweltbundesamt (UBA) auf der Internetseite einsehbar.

Doch eine Auswertung traut man sich bei der Behörde noch nicht zu: „Die Messstationen zeigen unterschiedlich ausgeprägte Rückgänge der Konzentrationen, die sich erst über einen längeren Zeitraum sinnvoll auswerten lassen, wenn die meteorologischen Einflüsse sich im Mittel aufheben“, heißt es beim UBA.

WELT hat dennoch einige der am stärksten belasteten Messstationen ausgewertet. Dabei zeigt sich: Das Ergebnis ist keineswegs so eindeutig, wie man angesichts des deutlich reduzierten Verkehrs hätte annehmen müssen.

Messstellen zeigen uneinheitliche Trends nach dem Lockdown

Und: Längst nicht alle Messstellen zeigen die gleichen Trends. Um einen Einbruch erkennen zu können, wurden nicht nur die Tages-, sondern vor allem die Wochenmittelwerte errechnet, um Schwankungen zu bestimmten Uhrzeiten oder auch an bestimmten Wochentagen auszugleichen. Analysiert wurden jeweils die Kalenderwochen eins bis 14, da für diesen Zeitraum von allen überprüften Messstationen fast vollständige Daten vorhanden waren.

Die wohl bekannteste Station in Deutschland ist die Messstelle Am Neckartor in Stuttgart. Die zahlreichen Überschreitungen in den vergangenen Jahren haben hier zu einem großflächigen Fahrverbot für ältere Dieselfahrzeuge geführt. Jahrelang war das Neckartor der negative Spitzenreiter der deutschen Stickoxid-Messstationen, noch 2018 wurde hier ein jährlicher Durchschnittswert von 71 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen – der gültige Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm.

Im vergangenen Jahr war der Durchschnittswert am Neckartor bereits auf 53 Mikrogramm gesunken, damit überholte die Station an der Landshuter Allee in München die Stuttgarter Messstelle. In München kam man 2019 auf einen Durchschnittswert von 63 Mikrogramm.

An diesen beiden Stationen müssten die Werte während des Shutdown daher wohl auch am deutlichsten zurückgehen. Doch betrachtet man die Kurven, ist von einem drastischen Einbruch zumindest in Stuttgart nichts zu sehen.

Die ersten deutlichen Beschränkungen gelten seit der Kalenderwoche zwölf, noch einmal verschärft wurden die Maßnahmen in der Kalenderwoche 13 und gelten seither. Doch am Neckartor stieg der durchschnittliche Messwert sogar leicht von 32,2 Mikrogramm in Kalenderwoche elf auf dann 40,2 Mikrogramm in der darauffolgenden Woche, nach der Verschärfung blieb er auf knapp 38 Mikrogramm und stieg in Kalenderwoche 14 sogar wieder auf 39,8 Mikrogramm.

Auch wenn kein Einbruch zu sehen ist, fällt dennoch auf, dass es sich um vergleichsweise positive Werte handelt, die fast alle den Grenzwert von 40 Mikrogramm unterschreiten. Auch für die gesamte Zeit seit dem 1. Januar liegt der Durchschnittswert mit 40,5 Mikrogramm fast genau auf dem Grenzwert. 2019 hatte der Durchschnittswert für die Zeit vom 1. Januar bis Anfang April mit 59,2 Mikrogramm noch deutlich höher gelegen.

An der Landshuter Allee in München ist immerhin nach der Verschärfung der Ausgangsbeschränkung in der Kalenderwoche 13 ein deutlicher Rückgang der Werte zu verzeichnen. Lagen die Durchschnittswerte in den Wochen zuvor meist zwischen 50 und 60 Mikrogramm, sanken sie in der Kalenderwoche 13 auf nur noch 29,4 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft.

Allerdings stiegen sie in der Kalenderwoche 14 bereits wieder auf durchschnittlich 47,3 Mikrogramm und lagen damit wieder deutlich über dem geltenden Grenzwert, obwohl sich an den Beschränkungen nichts geändert hatte. Im Durchschnitt für die ersten Monate des Jahres lagen die Werte auch in München mit 56,4 Mikrogramm niedriger als im Vorjahr mit 64,1 Mikrogramm.

Dass die Werte insgesamt im Jahresvergleich sinken, war erwartet worden, da sich durch die Erneuerung der Fahrzeugflotte auch der Stickoxid-Ausstoß reduzieren sollte. In Stuttgart könnte zudem das Fahrverbot gewirkt haben. Dennoch hätte man einen drastischeren Einbruch durch die starke Verkehrsreduktion im Zuge der Corona-Krise erwarten können.

Kiel fällt völlig aus der Reihe

Bei anderen Messstellen zeigt sich ebenfalls kein klar erkennbarer Trend. Am Clevischen Ring in Köln sank der Durchschnittswert in der Kalenderwoche 13 zwar auf 24,7 Mikrogramm, kehrte dann in der nächsten Woche aber wieder mit 34,4 Mikrogramm auf einen Wert zurück, der auch in den Wochen vor dem Shutdown durchaus üblich war.

An der Hamburger Habichtstraße sank der Durchschnittswert in den Kalenderwochen zwölf und 13 um rund zehn Mikrogramm auf jeweils knapp 33 Mikrogramm, stieg dann aber in der Kalenderwoche 14 wieder auf fast 39 Mikrogramm.LESEN SIE AUCH

An der Hügelstraße in Darmstadt sank der Durchschnittswert in der Kalenderwoche 13 ebenfalls um rund zehn Mikrogramm auf nur noch knapp 19 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, stieg in der darauffolgenden Woche aber auch wieder auf fast 27 Mikrogramm an, vor dem Shutdown hatte er zwischen 20 und 32 Mikrogramm gelegen.

Die Messstation am Kieler Theodor-Heuss-Ring lässt gar keinen klaren Trend erkennen, die Kurve der Durchschnittswerte verläuft im Zickzack. In Kalenderwoche 13 nach der nochmaligen Verschärfung des Kontaktverbots lag der Durchschnittswert mit über 60 Mikrogramm sogar besonders hoch. In den Wochen zuvor hatte er zwischen gut 22 und fast 54 Mikrogramm geschwankt. In Kalenderwoche 14 fiel der Durchschnittswert wieder auf 39,2 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft unter den Grenzwert.

Deutsche Umwelthilfe macht das Wetter verantwortlich

Bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hält man trotz der fehlenden Einbrüche der Stickoxid-Werte daran fest, dass Dieselfahrzeuge die Verantwortung für die regelmäßigen Grenzwertüberschreitungen tragen. „Die aktuellen Werte sind absolut plausibel“, sagt DUH-Chef Jürgen Resch WELT. „Bei normalem Verkehr hätten wir bei der derzeitigen Wetterlage am Neckartor Werte von über 70 Mikrogramm.“

Dass der Einbruch durch den Shutdown im Kurvenverlauf nicht zu sehen sei, liege daran, dass vor den Beschränkungen besonders positive meteorologische Bedingungen geherrscht hätten, die dafür gesorgt hätten, dass auch ohne Shutdown bereits ungewöhnlich niedrige Ausgangswerte vorgelegen hätten.

Im Februar und in der ersten Märzhälfte hätten starke Regenfälle und Winde für niedrige Stickoxid-Werte gesorgt. In der zweiten Märzhälfte hätten sich dann der Shutdown-Effekt und eine negativere Wetterlage teilweise aufgehoben.

„Für den Faktor Wetter ist der liebe Gott verantwortlich, aber für den menschengemachten Faktor sind wir verantwortlich“, sagte Resch. Es verwundere ihn nicht, dass „die Stickstoffdioxid-Leugner“ die Kurven nun so interpretieren wollten, dass der Verkehr einen geringen oder gar keinen Einfluss auf die Schadstoffwerte hätten. „Die Diskussion ist völlig absurd“, sagte Resch. „Dass wir so wenige Corona-Tote haben, liegt auch an unserer guten Luft im Vergleich mit der Lombardei.“

Beim Verband der Automobilindustrie (VDA) verweist man darauf, dass mittel- und langfristig die Stickoxid-Emissionen (NOx) in den deutschen Städten ohnehin bereits gesunken seien. „Bemerkenswert ist, dass die aktuellen NOx-Werte in Stuttgart trotz des Corona-bedingt deutlich geringeren Straßenverkehrs kaum gesunken sind“, teilte der Verband WELT auf Anfrage mit. „Das spricht für die These, dass die Konzentration, neben den Verkehrsemissionen, auch von weiteren saisonalen Faktoren – zum Beispiel dem Wetter – und anderen Emissionsquellen abhängt.“ Man sehe sich durch die Entwicklung der Messwerte in der eigenen Position bestätigt: „Wir haben stets betont, dass die Bestandserneuerung den größten Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität in Städten leistet. Es gibt intelligentere Instrumente als Fahrverbote“, teilte der VDA mit. Durch die zunehmende Verbreitung von Dieselautos mit der neuen Abgasnorm Euro-6d-Temp sowie die steigende Zahl von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben wie Elektroautos seien „weitere positive Effekte für die Luftqualität zu erwarten“.

Auch in Deutschland hat das Coronavirus das Leben auf den Kopf gestellt. Im internationalen Vergleich steht die Bundesrepublik aber ziemlich gut da. Das verdeutlicht eine Studie aus London.

Quelle: WELT/ Stefan Wittmann© Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.

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