Schweden atmet auf: Lockere Corona-Strategie scheint zu funktionieren

Trotz barscher Kritik aus dem In- und Ausland mehren sich die Zeichen, dass Schweden die Corona-Krise im Griff hat.

von Andrè Anwar – 14.04.2020

Stockholm | Stockholm ist derzeit die freiste Stadt Europas. Auch wenn das Land nicht weniger Probleme mit Covid-19 hat, blieb bislang fast alles geöffnet: Geschäfte aller Art und Einkaufszentren, Cafés, Bars, Fitnessstudios, kleinere Klubs, Büros, Kindergärten, Schulen bis einschließlich 9. Klasse und sogar einige Kinos. Selbst Ansammlungen von 500 und dann 50 Leuten blieben erlaubt und Klopapier gibt es reichlich.

Die hämischen Unkenrufe aus dem In- und Ausland waren laut und zahlreich: Schweden würde ein gefährliches Experiment durchführen auf Kosten der Alten und Kranken, für die Covid-19 tödlich sein kann. Entgegen aller Kritik scheint sich die Lage derzeit deutlich zu beruhigen. Vorerst zumindest, wie das Gesundheitsamt vorsichtig betont.

Denn Covid-19 war bislang nicht so schrecklich, trotz lockerer Eindämmungspolitik. Ein riesiges Feldlazarett, das vorsorglich in Stockholm aufgestellt wurde (wo die meisten schwerkranken Infizierten sind) bleibt weiter gänzlich geschlossen – wegen fehlendem Bedarf. Laut Gesundheitsamt waren die Zahlen der neu auf die Intensivstation eingelieferten Patienten lange gleichbleibend und auf relativ niedrigem Niveau – nun sind sie sogar leicht rückläufig. Insgesamt sind bis dato 919 Schweden gestorben, bestätigt sind 10.948 Fälle.

Allerdings werden in Schweden auch nur sehr wenige Personen getestet. Bis Ende April könnte laut Prognose die Hälfte des Volkes den Virus in sich getragen haben, oft ohne es zu merken oder nur mit sehr leichten Symptomen. Dann greift eine Art Herdenimmunität. Weil es so viele gibt, die immun sind hat es der Virus schwer, sich weiter auszubreiten – etwa hin zu Risikogruppen.

Lage in den Krankenhäusern beruhigt sich

Selbst von den Stockholmer Krankenhäusern, die stets über zu geringe Mittel und zu wenig Personal klagen, hört man erstmals, dass sich die Lage beruhigt hat. Am Stockholmer Karolinska Krankenhaus ist die Situation in der Coronaintensivstation deutlich ruhiger geworden, so Oberarzt David Konrad gegenüber dem öffentlich rechtlichen TV-Sender SVT. Immer mehr Patienten würden derzeit ausgeschrieben, sagt er. Und von den Alten und Schwerkranken, die mit lebensgefährlichen Symptomen eingeliefert wurden, hätten deutlich über 80 Prozent überlebt. 177 Intensivstationskrankenplätze waren am Wochenende frei für neue Patienten.

„Es gibt viele freie Plätze in den Intensivstationen in allen Stockholmer Krankenhäusern“, so der Oberarzt. Derzeit kümmert er sich noch um 127 Coronapatienten. Täglich kommen nur um die „sechs bis zwölf“ Patienten mit schwereren Symptomen, hinzu. „Wir nähern un der Abflachung der Erkrankungskurve“, sagt Konrad.

Auch die Profis des Gesundheitsamts, das in Schweden fast allein verantwortlich über die Coronapolitik für die gut zehn Millionen Schweden entscheidet, machen Entwarnungszeichen geltend. Dank freiwilliger Quarantäne-Maßnahmen der pflichtbewussten Schweden hätte auch die Ausbreitung der gewöhnlichen Virus-Erkrankungen zu dieser Jahreszeit extrem in Schach gehalten werden können. Freilich wird immer betont, dass es noch zu früh sei, für eine endgültige Aussage. Doch Schweden scheint auf dem rechten Weg zu sein wenn es nicht doch noch anders kommt.

Quelle: https://www.shz.de/28010582 ©2020

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