Corona: Wie Taiwan handelte

Die Inselrepublik reagierte schnell auf das Corona-Virus. Kann Deutschland von Taiwan lernen?

Die Tagespost – Michael Leh – 10.04.2020

Was hat Taiwan anders und besser gemacht als Deutschland bei der Bekämpfung des Coronavirus? Taiwan hat 23 Millionen Einwohner und liegt nur 180 Kilometer vor dem chinesischen Festland. In Taiwan gibt es – Stand 08. April – 379 bestätigte Fälle von Coronavirus-Infizierten und fünf Todesopfer. In Deutschland hingegen gibt es nach Angaben des Robert-Koch-Instituts – ebenfalls Stand 08. April – 103.228 gemeldete Fälle von Coronavirus-Infizierten und 1861 Todesfälle.

Erfahrungen mit der Sars-Epidemie

In Taiwan hat man sofort und effizient gehandelt, als das Coronavirus bekannt wurde. Die Gefahr wurde nicht unterschätzt oder verharmlost, wie es in Deutschland lange der Fall war. Außerdem war man in Taiwan vorbereitet für den Ausbruch einer neuen Epidemie. Die Taiwaner hatten bereits 2002/2003 bittere Erfahrungen mit der Sars-Epidemie gemacht. Diese entstand ebenfalls in Festlandchina und kostete 73 Taiwaner das Leben. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Volksrepublik China Taiwan keine oder zu spät Informationen lieferte. Auf Druck der Kommunisten in Peking wird Taiwan bis heute sogar ein Beobachterposten bei der Weltgesundheitsorganisation WHO verweigert.

Die Taiwaner mussten sich also auch noch selbst um Informationen bemühen, während auf dem Festland vertuscht und über das Virus gelogen wurde. Der Vertreter Taiwans in Deutschland, Professor Jhy-Wey Shieh, erklärt gegenüber dieser Zeitung, man habe frühzeitig eine taiwanische Ärzte-Delegation nach Wuhan entsandt. Diese habe genug herausbekommen, damit man in Taiwan gewarnt war. „Wir waren auf der Hut“, sagt Shieh. Zumal es sich bei den Vertretern des kommunistischen Regimes um „Gewohnheitslügner“ handele. Shieh verweist auf das Schicksal des Arztes Li Wenliang aus Wuhan, der vor dem Coronavirus warnte und den die Polizei zwang zu erklären, „unwahre Behauptungen“ gemacht zu haben. „Whistleblower“, sagt Shieh, „werden in diesem System vogelfrei gemacht.“ Ein Fall wie die Ausbreitung des Coronavirus sei in einem System ohne rechtsstaatliche Kontrollen, ohne Möglichkeit zu freier und wirksamer Kritik beinahe „vorprogrammiert“, so Shieh. Das kommunistische System sei gewissermaßen „das giftigste Virus“.

Taiwan reagierte sofort

Wie die China-Korrespondentin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Friederike Böge, berichtete, hat sich der erste bekannte Coronavirus-Patient wohl schon am 17. November in Wuhan angesteckt. Taiwanische Ärzte hätten von chinesischen Kollegen erfahren, dass medizinisches Personal durch das neue Virus erkrankt war. Böge: „Anders als China und die WHO reagierte Taiwan sofort: Vom 31. Dezember an wurden Passagiere aus Wuhan am Flughafen von Taipeh noch an Bord auf Symptome überprüft. Das Misstrauen war berechtigt.“

Wie Shieh erklärt, hat man zunächst systematisch alle aus Wuhan nach Taiwan Einreisenden überprüft, auch wenn die Einreise schon länger zurück lag. Fieberkontrollen aller Fluggäste am Flughafen in Taipeh gab es dabei schon lange vor dem Ausbruch des Coronavirus. Strikte Einreisekontrollen wurden jetzt wesentlich zur Eindämmung des neuen Krankheitserregers. Es wurde ein dreistufiges Quarantäne-System entwickelt. Corona-Verdachtsfälle werden über Handy-Daten zurückverfolgt und verortet.

Handy-Daten haben geholfen

Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité erklärte zu Südkorea und Taiwan: „Da gibt es Fallverfolgungsteams, die können jedem Infizierten hinterhergehen und schauen: Mit wem hat es Kontakte gegeben? Wo sind die Kontakte jetzt? Die Kontakte werden isoliert und überwacht.“ Zum Datenschutz erklärt Jhy-Wey Shieh: „Wir Taiwaner vertrauen hier unserem gefestigten demokratischen Rechtsstaat, dass in diesem Fall kein Missbrauch mit Daten geschieht.“

Das amerikanische Magazin „Foreign Affairs“ würdigte in einem ausführlichen Beitrag („Wie Bürgertechnologie helfen kann, eine Pandemie zu stoppen“) das Vorgehen Taiwans als „Modell für den Rest der Welt“. Dessen Erfolg beruhe auf einer „Verschmelzung von Technologie, Aktivismus und Bürgerbeteiligung“. Leitprinzip sei „nicht die Kontrolle von oben nach unten, sondern gegenseitiger Respekt und Zusammenarbeit“. Privatsphäre werde sorgfältig geschützt, die Bewegungen einer Person für andere nicht sichtbar, so Foreign Affairs. Für die Bekämpfung des Virus würden Dutzende Apps eingesetzt, unter anderem könne die Bevölkerung sehen, wo Gesichtsmasken vorrätig seien.

https://www.die-tagespost.de/politik/aktuell/Corona-Wie-Taiwan-handelte;art315,207125

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