Wenn alle gesund sind, kommt das böse Erwachen

von Dorothea Siems – http://www.welt.de – 18.04.2020

Bislang war die Unterstützung für den Corona-Kurs der Bundesregierung enorm. Doch so langsam beginnt die ökonomische Lebensgrundlage für Millionen Menschen zu bröckeln. Die Politik jedoch schweigt zu den Konsequenzen. Ein fataler Fehler.

Bei der Lockerung der Corona-Regelungen tastet sich die Bundesregierung nur ganz langsam voran. Zwar dürfen kleine Geschäfte ab der kommenden Woche wieder öffnen sowie Anfang Mai die Schulen für einen eng begrenzten Teil der Schüler.

Doch für das Gros der vom Shutdown betroffenen Bürger lässt die Bund-Länder-Vereinbarung offen, wann sie zu einem gewöhnlichen Arbeitsalltag zurückkehren können. Der Fahrplan zurück in die Normalität – es gibt ihn nicht.

Millionen Eltern stellen nun entsetzt fest, dass sie ihre Klein- und Grundschulkinder auch in den nächsten Wochen noch zu Hause selbst betreuen müssen. Sie wissen oft nicht, wie sie nebenher arbeiten sollen. Empört sind auch Hoteliers, Restaurantinhaber und viele andere Dienstleister, die bis auf Weiteres ihren Geschäftsbetrieb nicht wieder hochfahren dürfen.

Die Zukunft der Reisebüros, Messeveranstalter sowie des Sport- und Kulturbetriebs liegt ebenfalls völlig im Nebel. Denn die Vereinbarung von Bund und Ländern stellt kein Ende der touristischen Reiseeinschränkungen in Aussicht, und das Verbot von Großveranstaltungen wird sogar explizit bis mindestens Ende August aufrechterhalten.

Eindeutig ist allein die Aussage der Regierung, dass die Eindämmung der Covid-19-Epidemie weiterhin absolute Priorität habe. Die Politik verschweigt allerdings, welche Konsequenzen dieser strikte Kurs haben wird. Man will die große Akzeptanz der Bevölkerung für die Einschränkungen aufrechterhalten. Eine öffentliche Debatte über das Für und Wider der einzelnen Maßnahmen findet nicht statt.

Ökonomische Lebensgrundlage bricht weg

Womit müssen wir realistischerweise rechnen? Wenn die Devise „möglichst wenig Neuinfektionen“ beibehalten wird, sollten Eltern bis zum Sommer keine Kitaöffnungen erwarten. Erzieher können die in Corona-Zeiten geltenden Hygiene- und Abstandsregeln bei den Kleinkindern unmöglich durchsetzen. Und auch kleinere Grundschulkinder werden nicht den ganzen Tag einen Mundschutz tragen oder Freunde stets auf Distanz halten.

Der Deutsche Lehrerverband schätzt überdies, dass 25 Prozent der Lehrkräfte zur Risikogruppe zählen und damit nicht einsetzbar sind. Das Schuljahr endet in einigen Bundesländern schon im Juni; im Juli folgen dann alle anderen Länder. Blieben die Abstandsregeln über den Mai hinaus bestehen, wäre Homeschooling bis in die Sommerferien hinein die Konsequenz. Damit droht 4,2 Millionen Eltern mit Kindern unter zwölf Jahren eine fortgesetzte Belastungsprobe.

Bislang empfinden 70 Prozent der Bevölkerung laut aktuellem „Deutschlandtrend“ die Beschränkung als nicht oder nur wenig belastend. Doch der Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky warnte kürzlich im WELT-Interview: „Der Stresstest findet statt, wenn Menschen realisieren, dass in der Corona-Krise ihre ökonomischen Lebensgrundlagen wegbrechen.“

Genau diese Erkenntnis dürfte sich in den nächsten Wochen bei mehr und mehr Unternehmern und Beschäftigten durchsetzen. Dank der staatlichen Rettungsaktionen mit Kurzarbeitergeld und schnellen Liquiditätshilfen für Unternehmen und Selbstständige hat die Bundesregierung zwar im Eiltempo ein starkes Signal zur Beruhigung ausgesendet.

Staatsgelder helfen nur kurzzeitig

Doch auch die Feuerkraft des Staates ist begrenzt. Noch nie mussten auf einen Schlag so viele Betriebe mit ihren Beschäftigten unterstützt werden. Allein die Metall- und Elektroindustrie, mit rund vier Millionen Arbeitnehmern Deutschlands bedeutendste Schlüsselbranche, hat bereits für 83 Prozent ihrer Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet oder plant dies.

Anders als in der Finanzkrise 2009, als vor allem das Exportgeschäft einbrach, sind dieses Mal auch weite Teile des Dienstleistungssektors betroffen. Und selbst der Öffentliche Dienst hat erstmals Regelungen zur Einführung von Kurzarbeit vereinbart. Damit werden bald weitaus mehr Menschen, als bisher von der Regierung kalkuliert, mit bis zu 40 Prozent weniger Nettoeinkommen auskommen müssen.

Automobilbranche und Maschinenbau rechnen zwar damit, dass die Produktion schon bald schrittweise wieder hochgefahren werden kann. Doch eine rasche Erholung ist angesichts der tiefen weltweiten Rezession ungewiss.

Noch weit dramatischer stellt sich die Lage in zahlreichen anderen Wirtschaftszweigen dar: Der strikte Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel führt dazu, dass Tourismus, Mobilitätssektor, Gaststättengewerbe und Veranstaltungsdienstleister fürchten müssen, dass nach dem Ostergeschäft auch die Sommersaison verloren ist.

Staatliche Kredite, die Stundung von Steuern und Sozialabgaben und selbst Zuschüsse können Betriebe, die derzeit kaum oder gar keine Einnahmen haben, nur eine begrenzte Zeit über Wasser halten. Für viele Unternehmen stellt sich die Frage, ob sie in der Krise jetzt Schulden aufnehmen oder besser gleich Insolvenz anmelden, um den Schaden zu begrenzen.

Wir brauchen Transparenz

Das Gleiche gilt auch für Selbstständige, von denen laut dem „Haushaltskrisenbarometer“ des Leibnitz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE schon jetzt 41 Prozent einen Einbruch ihrer Geschäftstätigkeit erleben.

Auch in vielen mittelständischen Betriebe herrscht das große Zittern. Eine Umfrage des Verbandes der Familienunternehmer unter seinen Mitgliedern ergab, dass ein Drittel keine zwei Monate mehr überstehen könne. 67 Prozent der Betriebe verzeichnen Geschäftseinbußen von durchschnittlich fast 50 Prozent.

„Etliche der bereits jetzt um ihre Existenz ringenden Betriebe werden nicht mehr bis Mai durchhalten können“, warnt der Präsident der Familienunternehmer, Reinhold von Eben-Worlée. Mit jedem weiteren Tag des Shutdowns würden sie trotz umfangreicher Hilfsgelder tiefer in die Verschuldung und dann in die Insolvenz sinken – mit schwerwiegenden Folgen für Kunden und Zulieferer.

Gehen Betriebe pleite, trifft es oftmals ganze Ortschaften. Besonders dramatisch ist es, wenn ganze Regionen von Branchen leben, die bis auf Weiteres im Koma bleiben. Nicht nur an der Nord- und Ostsee droht eine große Depression, wenn noch viele Monate lang keine Badegäste kommen dürfen. Keine Staatshilfe könnte diese Verluste ausgleichen.

Kaum ein Politiker traut sich der Bevölkerung zu sagen, dass die meisten Menschen in Deutschland nach der Corona-Krise ärmer sein werden. Und je strikter die Regelungen sind, desto schwieriger wird es sein, die herben finanziellen Folgen rasch wieder aufzuholen. Die Bevölkerung erwartet in diesen Zeiten von der Politik Transparenz: über medizinische und ökonomische Fakten.© Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.

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