Das deutsche Taiwan-Tabu

http://www.welt.de – von Glacier Kwong – 19.04.2020

Taiwan hat eine Million Gesichtsmasken nach Deutschland geschickt – öffentlich dankbar zeigen sich die deutschen Behörden aber nicht. Zu groß scheint die Sorge, die Volksrepublik China zu verärgern.

Während die Welt damit beschäftigt ist, sich gegenseitig aus der Pandemie herauszuhelfen, versucht China, Aufmerksamkeit zu erregen, indem es düstere Desinformation und Propaganda betreibt und sich von anderen Ländern Dankbarkeit erbittet. Peking ist wild entschlossen, alleine im Scheinwerferlicht zu stehen. Niemand anders, vor allem nicht Taiwan, soll ein Lob der internationalen Gemeinschaft bekommen.

Anfang dieser Woche sind eine Million Gesichtsmasken aus Taiwan auf dem Frankfurter Flughafen eingetroffen. Als jedoch Regierungssprecher Steffen Seibert und die Sprecherin des Außenministeriums, Maria Adebahr, in der Bundespressekonferenz von Reportern dazu befragt wurden, vermieden sie es, Taiwan beim Namen zu nennen. Sie dankten stattdessen „anderen Ländern“ für die Bereitstellung von Masken.

Diese Szene erinnert mich an ein Interview des Hongkonger Senders RTHK. Eine Mitarbeiterin führte per Videoanruf ein Interview mit Bruce Aylward, einem hochrangigen Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Auf die Frage der Journalistin, ob die WHO die Aufnahme Taiwans in Erwägung ziehe, folgte ein langes Schweigen von Aylward. Dann sagte der Kanadier, er könne sie nicht hören und bat, zur nächsten Frage überzugehen. Doch die Journalistin wiederholte ihre Frage. Und Aylward legte einfach auf.LESEN SIE AUCH

Trotz des offensichtlichen Erfolgs Taiwans bei der Bekämpfung der Corona-Epidemie und seiner Großzügigkeit anderen Ländern gegenüber scheuen sich viele davor, das Thema offen anzusprechen. Warum? Weil sie wissen, dass das China verärgern würde. Taiwans Erfolg liegt in seinem Misstrauen gegenüber den autoritären Maßnahmen in China begründet. Das Land konnte die Epidemie bewältigen, ohne durch drakonische Abriegelungen Panik in der Gesellschaft zu verursachen. Da China Taiwan jedoch die Aufnahme in die WHO verweigert, ist das Land nicht in der Lage, innerhalb der Organisation Unterstützung zu leisten.

Stellen Sie sich vor, Taiwan könnte die WHO als Plattform nutzen, um seine Erfahrungen mit der Welt zu teilen. Was würde geschehen? Natürlich wäre es für China ein Schlag ins Gesicht, aber niemand sollte sich jetzt um solche Befindlichkeiten kümmern. Wäre Taiwan Teil der WHO, hätten zahllose Menschenleben gerettet werden können.

Die Welt sollte aufhören, mit China Nachsicht zu üben.

Glacier Kwong schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Joshua Wong. Die beiden jungen Aktivisten aus Hongkong kämpfen gegen den wachsenden Einfluss Chinas in ihrer Heimat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s