In China starb die Wahrheit, bevor die Menschen starben

von Johannes Boie – http://www.welt.de – 18.04.2020

Die chinesische Botschaft in Berlin betont Pekings Transparenz in der Coronakrise. Mich würde interessieren: Wo steckt die Ärztin aus Wuhan, die dabei half, das Virus bekannt zu machen? Und: Stimmt es eigentlich, dass Tiermärkte wieder offen sind?

Es gibt immer wieder mal den Fall, dass Regierungen die Berichterstattung unabhängiger Journalisten angreifen, weil sie Kritik nicht ertragen. Manchmal sind es Regierungen, bei denen man sich so ein Verhalten kaum hätte vorstellen können. Manchmal aber kommt auch alles wie erwartet.

Letzte Woche, zum Beispiel, hat WELT AM SONNTAG über Propagandamaßnahmen der chinesischen Botschaften in Europa berichtet. Als Reaktion darauf verbreitete die chinesische Botschaft in Berlin Propaganda. In einem Schreiben auf der Botschaftsseite heißt es, dass der entsprechende Bericht „unwahr“ sei – diese Gegenrede aber wird nicht weiter belegt. In der Folge wird in Bezug auf die Corona-Krise die Regierung in Peking gepriesen, als „offen“, „transparent“, „verantwortungsbewusst“.

Mich würden in Anbetracht dieser Stichworte die Antworten auf die folgenden Fragen interessieren:

Der Arzt Li Wenliang wurde Anfang Januar von der chinesischen Polizei vorgeladen, weil er vor dem Virus warnte. Es ist der normale Umgang der Diktatur mit kritischen Stimmen. Wäre der Arzt, der an Corona starb, noch am Leben und wäre die gesamte Welt nicht in einem besseren Zustand, wenn man auf ihn gehört hätte? Diese Frage beantwortete Ai Fen mit „ja“, eine Ärztin aus Wuhan, die maßgeblich mit dabei half, das Virus bekannt zu machen. Das bringt mich zu den Fragen: Warum wurde ein Artikel über sie zensiert? Wo steckt sie und wie geht es ihr? Und: Stimmen nun, nach der jüngst erfolgten Korrekturrunde, eigentlich die Todeszahlen aus Wuhan? Und: Stimmt es, dass Tiermärkte wieder offen sind, auf denen es auch Wildtiere wie Fledermäuse und Pangoline gibt? Falls ja: warum? Mein Gefühl ist, dass in der Coronakrise die Wahrheit starb bevor die ersten Menschen starben.

Apropos Wohlergehen: Wie geht es den Demonstranten in Hongkong, die die chinesische Regierung in diesen Tagen verhaften ließ? Einer von ihnen ist der Zeitungsverleger Jimmy Lai – wie steht es um die Pressefreiheit in China? Gelegentlich bekomme ich Nachrichten der staatseigenen Agentur „Xinhua“, da habe ich noch nie ein kritisches Wort über die Regierung gelesen. Wäre nicht Kritik die Aufgabe von Journalisten? In Peking sieht man das nicht so, gerade erst hat die Regierung Mitarbeiter von „New York Times“ und „Wall Street Journal“ aus dem Land geworfen.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. 

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