Die Unterwerfung

http://www.welt.de – Andreas Rosenfelder – 24.04.2020

Soziale Distanz, so heißt es immer öfter, wird unsere Gesellschaft auf Dauer prägen. Wir nehmen das als „neue Normalität“ hin. Gibt es eine verborgene Sehnsucht danach, das Virus für uns entscheiden zu lassen? Über Corona als Metapher.

ede Zeit hat die Krankheiten, die zu ihr passen. Das liegt nicht nur an der verblüffenden Anpassungsfähigkeit der Erreger, die uns Menschen darin sehr ähnlich sind. Es liegt auch daran, dass Krankheiten nie nur den Körper befallen, sondern immer auch die Sprache, das Denken und vor allem den dunklen Sektor unserer Seelen – also das, was wir uns insgeheim wünschen, ohne es uns einzugestehen.

In ihrem Essay „Krankheit als Metapher“, den man jetzt unbedingt wiederlesen sollte, bezeichnet Susan Sontag 1977 die Krankheit als die „Nachtseite des Lebens“ – und erkundet die „Straf- und Gefühlsphantasien, die man damit verbindet“. In einem kurzen Streifzug durch die Geschichte der Seuchen, Plagen und Epidemien bemerkt sie einen interessanten Mechanismus: „Jegliche gewichtige Krankheit, deren Kausalität im Dunkeln liegt und deren Behandlung wirkungslos ist, wird tendenziell mit Bedeutung aufgeblasen.“

So sei etwa die Tuberkulose im 19. Jahrhundert gesellschaftlich als eine „romantische“ Krankheit behandelt worden, ein Leiden an der Welt, das erotische und kreative Energien freisetzt: Katalysator für „eine moderne Vorstellung von Individualität“, wie sie Thomas Mann später im „Zauberberg“ nachgezeichnet hat. Die Kraft dieses Mythos, die wenig mit der realen Pathologie zu tun hat, verblasste laut Sontag erst, „als endlich eine angemessene Behandlung entwickelt wurde, d.h. bis zur Entdeckung des Streptomycins 1944 und der Einführung von Isoniazid im Jahre 1952“.

Es mag in diesen Tagen wie eine Zumutung erscheinen, auch im Cornavirus, dessen Kausalität noch im Dunkeln liegt und für das es weder Medikament noch Impfstoff gibt, eine Metapher erkennen zu wollen – einen starken, düsteren Mythos, der unsere Vorstellung davon, was wir sind und was wir sein wollen, auch ohne Infektion mutieren lässt.

Corona, könnte man erwidern, das ist doch eine medizinische Tatsache – da gibt es doch nichts Metaphorisches, sondern nur „Infektionskurven“, „Verdopplungszeiten“ und „Reproduktionsrate“, aus denen sich „Kontaktsperren“, „Distanzregeln“ und „Maskenverordnungen“ ableiten.

Schon das allzu lange Betrachten dieser seltsamen technokratischen Doppelwörter, die seit Wochen unsere Gespräche und unseren Alltag beherrschen, wirkt wie ein geistiger Verstoß gegen die „Restriktionen“ oder „Maßnahmen“, denen wir uns doch im Sinne der Bekämpfung des Virus ohne Theater fügen sollten.

Daten ohne Debatten

„Geisterdebatten“ – so nennt das eine „Spiegel“-Kolumnistin –, die von „Corona-Kritikern“ geführt werden, „statt die wissenschaftlichen Gegebenheiten stoisch zu akzeptieren“. Eine Virologin vom Helmholtz-Zentrum gab, als der „Spiegel“ sie zur Datenschutzdiskussion um die geplante, aber auch in ihrem Nutzen umstrittene Corona-App befragte, zu Protokoll, sie fände es „unglaublich, dass diese Debatte überhaupt geführt wird“.

Nun gibt es gar nichts Unwissenschaftlicheres als die Vorstellung, die Wissenschaft sei eine Art Maschine zur Produktion von „Gegebenheiten“, die dann „stoisch zu akzeptieren“ seien. Karl Popper wären über diesem Vulgärpositivismus die Haare zu Berge gestanden. Wissenschaft ist nämlich das und nur das, was auch falsifizierbar ist: „Wann immer wir nämlich glauben, die Lösung eines Problems gefunden zu haben“, so Popper, „sollten wir unsere Lösung nicht verteidigen, sondern mit allen Mitteln versuchen, sie selbst umzustoßen.“

Diese Tugend ist gerade nicht sehr verbreitet, helfen wir also ein wenig nach: Man braucht keine Wissenschaftstheorie, um die virulente Vorstellung, „die“ Wissenschaft sei eine Instanz außerhalb der „Debatten“, deren Anweisungen Folge zu leisten sei, als einen Mythos zu entlarven. Selbst unter den vier berühmtesten deutschen Virologen DrostenKekuléStreeck und Mölling herrscht – zum Glück! – ein öffentlich ausgetragener Dissens über Methodik, Faktenlage und Konsequenzen.

Die Berater und ihr Paradox

Und wer auch nur ein paar Podcast-Folgen von Christian Drosten gehört hat, kennt den erkenntnistheoretischen Disclaimer, den er fast mantrahaft und ziemlich lässig in seine Ausführungen einbaut. Ohne den Verweis auf den Bereich des Nichtwissens ist aufgeklärte Wissenschaft undenkbar – das gilt erst recht, wenn Wissenschaftler als Berater der Politik auftreten und damit, ob sie es wollen oder nicht, in Entscheidungsprozesse eingreifen.

Die Verantwortung bleibt allerdings, das Phänomen ist als Beraterparadox bekannt, immer bei jenen, die ihre Berater ja schließlich auswählen – erst recht dann, wenn sie eben diese Verantwortung verstecken und bequemerweise behaupten, sie ließen sich ganz „von der Wissenschaft leiten“, wie es die britische Regierung tut, ohne auch nur die Namen der Mitglieder ihrer Beraterkommission SAGE zu benennen.

Woher kommt dann aber die Militanz, mit der aus jedem Zusammenhang ausgekoppelte Wissenschafts-Memes wie Axiome behandelt werden? Etwa die schon legendäre „Reproduktionsrate R“, die unbedingt kleiner als eins bleiben muss, zumindest seit nicht mehr die „Verdopplungszeit“ höher als zehn bleiben muss, was beides zwar nicht der eigentlich wünschenswerten „Ausrottung“ des Virus, als Kompromiss zweifellos aber dem „flatten the curve“ dient, das wiederum jene „zweite Welle“ verhindern soll, die sich wie eine Hokusai-Drohkulisse hinter den „Lockerungen“ auftürmt – und die aber durch weiteres Abflachen der Kurve durch weiteren „Lockdown“ immer tiefer in die Zukunft verschoben wird, um von dort aus weiteres „Social Distancing“ zu legitimieren, vielleicht ja sogar „bis 2021“, wie es, so teilte das der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dem deutschen Fernsehpublikum jüngst bedauernd mit, „die neuesten Studien der Harvard-Universität“ festgelegt hätten: „Man muss doch die Wahrheit sagen.“

Zunehmender Disziplinverlust

Was Lauterbach „die Wahrheit“ nennt, ist tatsächlich ein Vorschlag. Die Autoren eines Papers der Harvard Public Health School „finden“ laut eigener Auskunft, dass ein „On-Off-Ansatz“ im „Social Distancing“ möglicherweise bis Mitte 2021 „andauern müsse“.

Vermutlich dürfte diese nicht nur für Schulkinder gruselige Strategie in Deutschland auf Zustimmung hoffen, wenn sie zum politischen Programm gerönne: In den vergangenen Frühlingstagen prangerte ausgerechnet die „taz“ in befremdlicher Polizeisprache einen „zunehmenden Corona-Disziplinverlust“ an.

In den sozialen Netzwerken häufen sich die mal tränenüberströmt klagenden, mal vor Zorn puterrot anlaufenden Emojis: Mit ihnen quittieren halbwegs junge, postmodern geschulte und hedonistische Linke die im eigenen Freundeskreis registrierte Weigerung, „Hygieneregeln strikt einzuhalten“. Die verdiente Strafe, so stellt man in den Kommentarspalten mit Genugtuung fest, wird auf dem Fuße folgen: „Ich fürchte, wir werden nicht um (mehrere) weitere Kontaktsperre-Phasen herumkommen“.

Aber ist es wirklich Furcht vor dem Lockdown, die sich in diesem unheimlichen Gespräch aus dem April 2020 bekundet – oder spielt auch eine geheime Sehnsucht danach mit, die in der Furcht vor dem Virus eine Chance wittert? Gibt es vielleicht einen verborgenen Wunsch nach Instruktionen von mathematischer Eindeutigkeit, nach einer Formel für sinnvolles Handeln, die uns die Entscheidung darüber abnimmt, wie wir leben wollen?

Wünscht sich etwas tief in uns vielleicht schon, dass das geheimnisvolle Virus immer wiederkommt, um uns seine Befehle einzuflüstern, natürlich vermittelt durch sein Sprachrohr, die Virologie? Dass in einer Welt der lebenstechnischen Beliebigkeit, der moralischen Unsicherheit und der zwanghaften Selbstverwirklichung endlich Klarheit herrscht und alle Kontingenz verschwindet, vielleicht für immer?

Tadel-, Straf- und Zensurbedürfnis

Jede Epidemie, so Susan Sontag 1988 in „Aids und seine Metaphern“, einem Nachfolgetext zu „Krankheit als Metapher“, erweckt das „in Krankheitsmetaphorik verpackte Tadel-, Straf- und Zensurbedürfnis unserer säkularen Kultur“ zum Leben: „Die Katastrophe Aids suggeriert die unmittelbare Notwendigkeit der Beschränkung, des Zwangs für Körper und Gewissen. Aber die Reaktion auf Aids ist mehr als eine Re-Aktion, eine ängstliche und daher angemessene Antwort auf eine sehr reale Gefahr. Sie drückt auch einen positiven Wunsch aus, einen Wunsch nach strafferer Zügelung der Lebensführung.“

Aids markierte seinerzeit das dramatische Endstadium der exzessiven Eighties – und kam, so Sontag, einer neuen Ethik „der Selbstkontrolle und der Selbstzucht (Diät, Sport)“ gelegen. Ist Corona nun die perfekte Krankheit für eine Gesellschaft, die den Rückzug ins Private feiert und Achtsamkeit als höchste Form der Ethik predigt? Eine Ethik, die dem Anderen im Zweifel lieber ausweicht, als ihn womöglich zu bedrohen, zu irritieren oder zu verletzen?

Das „neuartige“ Virus verwandelt die Welt schlagartig in einen einzigen großen Safe Space, dessen Grenzen fast so scharf abgesichert sind wie die europäischen Außengrenzen – auch wenn dieser Safe Space von niemandem betreten werden darf. Der öffentliche Raum bleibt exklusiv für das Virus reserviert, dass sich dort ganz in Ruhe in Luft auflösen kann – und wenn ein neues Virus auftaucht, wird dieser Raum einfach per Knopfdruck wieder geräumt, die Routinen sind dann ja einstudiert. Währenddessen spielt sich das, was einmal Öffentlichkeit hieß, auf einigen großen Internetplattformen ab – haben wir nicht auch vorher schon freiwillig die meiste Zeit dort verbracht?

Willkommen in der Unendlichkeit

Betrachtet man die Welt, in der wir gerade leben, nicht als smarte, medizinisch sinnvolle und zeitlich begrenzte Übergangslösung, sondern als potenzielle Unendlichkeit, die nur von ständig im Hintergrund errechneten virologischen Determinanten abhängt – dann sieht diese Welt plötzlich nicht mehr aus wie ein solidarisches Utopia, sondern wie eine albtraumhafte Dystopie.

Der soziale Kontakt, der doch unsere Lebendigkeit als soziale, liebende, streitende und solidarische Wesen ausmacht, wird zum optionalen Feature, das von der Politik unter bestimmten Bedingungen großzügig freigeschaltet wird, vielleicht ja künftig per App wie in China. Den Kindern, die in der Isolation heranwachsen, wird mit dem Klassenzimmer, dem wimmelnden Pausenhof, den Lehrern die Grunderfahrungen der Sozialisation geraubt: Konflikt, Freundschaft, Frustration müssen im Elternhaus ausagiert werden. Unser elementares Weltverhältnis, unser Objektbezug wird zum Gegenstand seuchenhygienischer Freigabe.

Es scheint das Bild eines Angststaats auf, der einen permanenten Krieg mit einem ubiquitären, aber unsichtbaren Feind führt und seine Bevölkerung durch die Präsentation täglicher Todeszahlen und mal wachsender, mal sinkender Infektionskurven in eine dauerhafte Schockstarre versetzt – ein Szenario, das sich selbst Thomas Hobbes, der große Staatsphilosoph der Angst, nicht hätte träumen lassen.

Noch ist all das Science-Fiction-Horror. Wir leben seit wenigen Wochen in einem von Politikern beschlossenen Ausnahmezustand, der hoffentlich bald beendet wird – denn von alleine wird er nicht enden. Doch wer sich selbst und andere genau beobachtet, der muss darüber erschrecken, wie hoch schon jetzt die Bereitschaft ist, sich in diesen Zustand zu fügen, die Kontrolle abzugeben, sich in der „Quarantäne“ häuslich einzurichten, und das auf unbestimmte Zeit, „bis das alles vorbei ist“.

Die Hypernormalisierung

Soziale Kontrolle und zeitliche Dauer versetzen den Menschen in die Lage, absurdeste, ja unwirklichste Wirklichkeiten als Normalität anzuerkennen und Abweichung von dieser zu ächten. Der russische Anthropologe Alexei Yurchak hat dieses Phänomen in der Spätphase der Sowjetunion untersucht und dafür den Begriff der „Hypernormalisierung“ geprägt.

Dass die deutschen Medien Bayerns Ministerpräsidenten vor wenigen Tagen mit der Äußerung zitierten „Natürlich kann man auf einer Bank ein Buch lesen, das ist kein Problem“, und dass man das erleichtert zur Kenntnis nahm, als hätte auch das Gegenteil in der Zeitung stehen können – solche Erfahrungen zeigen, dass der Drift in die Hypernormalisierung schon begonnen hat, ganz so wie Thomas Mann es in Hans Castorps ersten drei Wochen auf dem „Zauberberg“ beschreibt, aus denen dann sieben lange Jahre werden.

Die schlechteste aller möglichen Welten

Ja, Corona ist eine gefährliche und noch völlig rätselhafte Krankheit. Ja, es sterben Menschen daran, und es werden noch mehr Menschen sterben. Ja, wir sollten tun, was angemessen ist, um die Gefährdeten zu schützen. Und nein, es geht nicht um eine simple Rückkehr zu „unserer alten Welt“: Es soll in der Krise gerne eine neue entstehen, in der vieles ganz anders funktioniert als vorher, das ist sogar zu hoffen.

Aber es darf um keinen Preis jener von Kontaktsperren, Tracking-Apps und virologischen Axiomen bestimmte smarte Panikstaat sein, dessen Umrisse sich gerade abzeichnen wie eine schwarze Sonne, wenn der majestätische Strahlenkranz, jene Corona, die dem Virus ihren Namen gab, in der Sonnenfinsternis aufscheint. Das wäre die schlechteste aller möglichen Welten.

Noch einmal Susan Sontag: „Es ist kein wünschenswertes Ziel, dass die Medizin ‚total‘ sei, ebenso wenig wie der Krieg. Unsere Leiber erleben keine Invasion. Der Körper ist kein Schlachtfeld. Wir – die Medizin, die Gesellschaft – sind nicht befugt, mit allen möglichen Mitteln zurückzuschlagen.“

Man kann es auch so sagen: Eine Gesellschaft ohne „Nachtseite“, die immer nur gesund sein will, wird eine kranke Gesellschaft.

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