Wer Zweifel hat, gilt plötzlich als Ungläubiger

von Susanne Gaschke – http://www.welt.de – 26.04.2020

Vier von fünf Deutschen sind bereit, „alles“ zu tun, um das Coronavirus zu bekämpfen und verzichten dafür auch auf ihre Freiheit. Wer diese Einstellung nicht teilt, macht sich verdächtig – und wird aufs Schärfste angefeindet.

Eine neue Ideologie spaltet unsere Gesellschaft, entzweit Familien, Freunde, Kollegen. Es geht dabei um die Frage, ob man der Bekämpfung des Coronavirus alle anderen Belange unterordnen muss – oder ob zwischenmenschlicher Kontakt, eine funktionierende Wirtschaft sowie Kita- und Schulbesuch für die Kinder auch in Seuchenzeiten eine gewisse Berechtigung haben.

Das Thema ist überall. Man hört nichts anderes in den Warteschlangen vor Wochenmarkt, Apotheke oder Biergroßhandlung und in WhatsApp-Chats oder sozialen Medien. Die Mehrheiten scheinen dabei noch klar verteilt: 80 Prozent der Deutschen sind nach einer aktuellen Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach dafür, „alles“ zu tun, um die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen, „auch wenn die Freiheit der Menschen dadurch eingeschränkt wird“.

Nur um es noch einmal in Erinnerung zu rufen: „Freiheit“ umfasst in diesem Zusammenhang Grundrechte wie Freizügigkeit und Reisefreiheit, Freiheit der Berufs- und Religionsausübung, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung und informationelle Selbstbestimmung.

Dass die Parlamente von Bund und Ländern diese fundamentalen Einschränkungen nicht in jeder ihrer Sitzungen neu bewerten, ist eine beispiellose Selbstentwertung der repräsentativen Demokratie. Aber das ist fast schon eine Randnotiz.

Im persönlichen Umfeld erschüttert die Schärfe der Auseinandersetzung: Es geht nicht mehr um unterschiedliche Meinungen, es geht um Glaube oder Häresie.

Wer sich über die widersprüchlichen Botschaften des Robert-Koch-Instituts irritiert zeigt oder Fragen zu willkürlich erscheinenden Maßnahmen der Ordnungsmacht stellt, entlarvt sich als Ungläubiger. Höchstwahrscheinlich will er alte Leute umbringen, zugunsten von Wirtschaftswachstum oder Party-Hedonismus.

Von „Verstocktheit, Bösartigkeit und Eigensucht“ ist plötzlich in privaten Briefen die Rede; heuchlerisch wird Maßnahmenskeptikern gewünscht, sie mögen nicht erkranken. Nett gemeint ist daran nichts. Vielmehr scheinen manche von denen, die sich im Besitz der wissenschaftlichen Wahrheit wähnen, den Zweiflern vielleicht insgeheim zu wünschen, Gott möge sie mit der Seuche strafen. Das wäre eine bemerkenswert magische Einstellung für die angeblich so rationalen Bescheidwisser.

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