Corona entlarvt die Feinstaub-Legende

30.05.2020 – Holger Douglas – http://www.tichyseinblick.de

Diesel-Fahrzeuge sind es ganz offensichtlich nicht, die in der Stadt für Feinstaub und überhöhte NO2-Werte sorgen. Der Straßenverkehr trägt deutlich weniger zur Luftsituation in den Städten bei, als dies der Abmahnverein »Deutsche Umwelthilfe e.V.« und das Umweltbundesamt behaupten.

Corona entlarvt eine ganze Menge. Die Diesel-Fahrzeuge sind es nicht, die in der Stadt für Feinstaub und überhöhte NO2-Werte sorgen. Kaum Autos in der Stadt – dennoch ähnliche Werte wie zuvor bei vollem Verkehr. Keine Frage: Da stimmt vieles nicht von dem, was Umweltbundesamt und Bundesumweltministerium seit langem immer erzählen und damit die gigantischen Schäden bei Autofahrern und in der Autoindustrie rechtfertigen.

Kaum Autoverkehr, die Fabriken standen großteils still, die Städte »dicht«, es floss kaum Verkehr. Und dennoch zeigte sich zum Beispiel an Deutschlands berühmtester Messstelle am Neckartor in der Stuttgarter Innenstadt keine Verminderung der NO2-Werte, wie man sie eigentlich nach einem solch kompletten Shutdown erwarten müsste. Noch dazu ist diese Station entgegen der EU-Vorschriften so manipulativ dicht an der Straße in einer Hausecke aufgestellt, dass sie wie ein Spiegel die Luftmassen konzentriert und besonders hohe Werte produziert. Umso stärker also müssten die Werte zurückgehen.

Doch das tun sie nicht!

Ingenieur Martin Schraag, der sich seit langem mit den Verkehrsmessungen befasst, sagt: »Die berühmte Stuttgarter Messstation Am Neckartor und die Messstation an der Hohenheimer Straße sind Verkehrsmessstationen. Sie müssten also besonders empfindlich einem fallenden Verkehrsaufkommen folgen. Das aber ist im Frühjahr 2020 nicht passiert.«

Schraag weiter: »Die NOx-Emissionen der Haushalte und Wärmekraftwerke überwiegen inzwischen die des Straßenverkehrs – auch wenn die Umweltbehörde LUBW mit veralteten Daten anderes behauptet – und treiben die NO2-Konzentrationen auch in Bad Cannstatt schon mal auf über 100 μg/m³ hohe Stundenwerte. Dies passiert gerade im Winter, wenn die Emissionen der Heizanlagen maximal sind.«

Martin Schraag weist auf einen weiteren Zusammenhang hin: »In den letzten 20 Jahren ist der Mittelwert um ca. 7 μg/m³ auf nunmehr knapp 25 μg/m³ NO2 gefallen. Den Hauptbeitrag dazu haben verbesserte Abgaswerte des Straßenverkehrs erbracht, dessen NOx-Eintrag nach Daten des Umweltbundesamts um über 50 % gefallen sind. Von den 7 μg/m³ dürften ungefähr 5 μg/m³ auf den Straßenverkehr entfallen. Das heißt, der restliche Beitrag des Straßenverkehrs an der heutigen Exposition der allgemeinen Bevölkerung ist 20 %.«

Dies bedeutet, dass der Straßenverkehr deutlich weniger zur Luftsituation in den Städten beiträgt, als dies der Abmahnverein »Deutsche Umwelthilfe e.V.« und Umweltbundesamt behaupten. Auch kein Wunder, denn die Autos sind seit den achtziger Jahren sauber gemacht geworden. Eine teure, aufwendige und übrigens auch fehleranfällige Abgasreinigungstechnologie hat die Autos umweltfreundlich gemacht. Aus einem modernen Diesel kommen kein Feinstaub und keine NOx mehr heraus.

Diese Entwicklung war den treibenden Kräften der Fraktion ‚Das Auto muss verschwinden‘ natürlich klar. Deshalb setzten sie als letztes Mittel im Kampf gegen die individuelle Mobilität jenen Stoff ein, der heute zur Allzweckwaffe im Kampf gegen alles geworden ist: Kohlendioxid, CO2. Dieser wichtige Stoff für das Wachstum der Pflanzen und Bäume entsteht bei jeder Verbrennung, in jeder Biogasanlage, auch beim Atmen. Deswegen wurden über die EU die Grenzwerte für den CO2-Ausstoß soweit heruntergesetzt, dass sie beim Fahrzeugen mit Motorentechnik nicht mehr erreichbar ist. CO2 als Mittel, um dem Auto den Garaus zu machen. Ab dem kommenden Jahr sollen die neuen Grenzwerte gelten, übrigens auch für Hausbrand.

Ein Blick in Städte wie Ulm zeigt, dass dort sogar die Stadt jetzt befindet: Die Luft ist so gut, dass die Messungen eingestellt werden können. Das liege nicht an Corona, sondern – natürlich – an »den ergriffenen Maßnahmen«, wie es im schönsten Bürokratendeutsch heißt: »Die Belastung durch Feinstaub und andere Schadstoffe konnte durch die in den letzten Jahren ergriffenen Maßnahmen signifikant und dauerhaft unter die Grenzwerte gesenkt werden.«

Ulm hatte es auch nicht so auf maximale Messwerte abgesehen wie zum Beispiel das grüne Stuttgart, sondern die Messtationen wurden in der Karl- und in der Zinglerstraße aufgestellt, die selbst an wichtigen Innenstadtstraßen selten Messwerte über den Grenzwerten lieferten. Die Messstelle Karlstraße lieferte aufgrund einer Baustelle eine Zeitlang keine Werte, ehe sie dann 2018 wieder aufgenommen wurden. Dann ergab sie Werte für Stickstoffdioxid NO2, die deutlich unter den 40 µg/m3 Luft lagen. Die Messstelle wurde wieder abgebaut. Auch die letzten Messstellen werden voraussichtlich ab 2021 nicht mehr weiter betrieben.

Wenn schon »Luftalarm«, dann müsste er nicht für die Straßen unserer Städte, sondern für Küchen und Wohnungen geschlagen werden. 40 unterschiedlich große Wohnungen in Leipzig und Berlin wurden eine Woche lang zu unterschiedlichen Jahreszeiten auf die Luftwerte hin untersucht. Denn Backen, Toasten und Kerzen brennen lassen sind große Feinstaubquellen im Haushalt, wie das gerade Leipziger Forscher in einer Langzeituntersuchung zum Feinstaub in Innenräumen vom Leipziger Leibniz-Institut Tropos im Auftrag des Umweltbundesamtes festgestellt haben.

Mehr als 10.000 Messstunden investierten sie in das breit angelegte Programm zur Ermittlung der Luftschadstoffe in Küche, Bad und Wohnzimmer. Aus dem geht hervor, dass Braten und Kochen im Mittelfeld der Belastung in einer Wohnung liege. Doch bereits eine Kerze in der Wohnung, der Kuchen im Backherd, erhöhten die ultrafeinen Teilchen in der Luft auf das 50-Fache, bei einigen Messungen auch auf das 100-Fache.

Doch während im Straßenverkehr der Feinstaub mit Gesetzen stark limitiert wird, sei in Wohnungen jeder für sich selbst verantwortlich, sagte Alfred Wiedensohler der Sächsischen Zeitung zum Ergebnis der Studie: »Das ist eine Belastung, höher als an einer stark befahrenen Straße.« Die Werte haben selbst ihn in seiner Wohnung überrascht. »Man sieht am Gerät, wie schnell Unmengen an Partikeln produziert sind, die man danach stundenlang noch einatmet.«

Wenn man nichts dagegen unternimmt, dauert es eben Stunden, bis sich diese Nano-Teilchen auf Oberflächen abgesetzt haben. Anders als Staub wirbeln die dann auch nicht mehr auf, sondern haften aufgrund ihrer Winzigkeit. Nur Abwischen würde sie dort fortbringen. Über Nacht wäre jedenfalls der Normalwert wieder erreicht. Es sei denn, dann wird morgens der Toaster angeworfen. Wiedensohler kann trösten: Grenzwerte werde es vom Umweltbundesamt nicht geben, aber künftig klare Empfehlungen, daher wurde diese Untersuchung gemacht. Glücklicherweise wird es also kein Kuchenbackverbot in der Küche geben. Eigentlich helfe nur eins, meinte er: Lüften, lüften, lüften, das geht ebenfalls aus der Studie hervor.

Das erstaunt: Mit der angeblich so schlechten Luft in den Städten soll die schlechte Luft in Wohnungen und Küchen durch Lüften verbessert werden? Aufgrund der Daten müsste also gelten: Besser Diesel fahren als Kuchen zu backen oder gar Brot zu toasten – und natürlich auf das Zigarettenrauchen verzichten – aus Gründen der Feinstaubvermeidung.

Panik für den Lockdown

31.05.2020 – Vera Lengsfeld – http://www.lengsfeld.de

An diesen schönen Pfingsttagen können wir feststellen, dass keins der Horrorszenarien, die uns das Robert-Koch-Institut vorausgesagt hat, wahr geworden sind. Wir sollten uns erinnern, dass anfangs im günstigsten Fall 300.000, im schlimmsten über 1 Million Corona-Tote prognostiziert wurden. Die daraufhin verhängten drastischen, grundgesetzwidrigen Maßnahmen, die Wirtschaft ruinierenden Freiheitsbeschränkungen, erweisen sich als äußerst fragwürdig.

Aber der Ausstieg aus diesem Desaster erfolgt nur zögerlich und mit neuen, unsinnigen bürokratischen Auflagen. Damit soll der Eindruck aufrecht erhalten werden, dass der Lockdown gerechtfertigt war. Erleichtert wird der Politik diese Haltung, indem sie darauf verweisen kann, dass weltweit ähnliche Maßnahmen ergriffen wurden. Das entbindet deutsche Politiker, allen voran die Kanzlerin, die für die Richtlinien der Politik zuständig ist, nicht von ihrer Verantwortung.

Merkel wollte auch dann noch am Lockdown festhalten, nachdem viele Ministerpräsidenten Lockerungen anstrebten. Nachdem ihre öffentlich vorgeführten Rechenkünste, bei welcher Reproduktionsrate wann die bisher ausgebliebene Überlastung unseres Gesundheitssystems eintreten würde, außerhalb der staatshörigen Journalisten den gewünschten Effekt verfehlt haben, verbat sich die Kanzlerin „Ausstiegsdiskussionsorgien“.

Auch diese als Drohung gemeinte Wortschöpfung hat ihre beabsichtigte Wirkung verfehlt, ja, sie hat sogar bisher treu zur Fahne stehende öffentlich-rechtliche Journalisten zu ungewohnt kritischen Kommentaren bewegt. Also musste nachgelegt und Panik geschürt werden. Diese Rolle hat der Virologe Drosten übernommen, der in der politisch herbeigeführten Corona-Krise sowohl als Regierungsberater tätig ist und politische Entscheidungen wissenschaftlich untermauert.

Auf Twitter sah er es als Problem, dass die Menschen durch kaum belegte oder leere Intensivstationen, die auf Anweisung der Politik für Corona-Fälle freigehalten werden mussten, nachdenklich geworden sind. Sie würden sich laut Drosten „in falscher Sicherheit wiegen“. Damit auch dem Letzten klar wird, wes Lied der Virologe singt, zitiert Drosten die Kanzlerin:

“Ich habe den Eindruck, dass seit dem vergangenen Mittwoch eine Diskussion entstanden ist, die eine Sicherheit insinuiert, die heute überhaupt noch nicht da ist“.

Inzwischen wissen wir, dass trotz steigender Kontakte, wegen der Lockerung des Verbots, das aber auf Wunsch von Kanzlerin Merkel bis Anfang Juli aufrecht erhalten werden soll, die Infektionsrate stetig sinkt. Außerdem wurde bekannt, dass zehntausende notwendige Operationen von Krebspatienten und anderen dringenden Fällen nicht durchgeführt werden konnten. Über die Folgen dieser Kollateralschäden wird in Politik und ihren Propaganda-Medien kein Wort verloren.

Wie menschlich das gegenüber denen ist, die seit Wochen auf eine nötige Operation warten, überlasse ich der Beurteilung durch jeden Einzelnen.

Übrigens hatte sich die Infektionsrate laut RKI schon vor dem Lockdown, seit dem 22. März um 1 stabilisiert. Das anfangs von der Regierung ausgegebene Ziel, die Reproduktionsrate unter 1 zu drücken, war seit dem 16. April deutlich erreicht worden.

Also musste ein neues Horrorszenario her, um die Verlängerung des Lockdown zu begründen. Jetzt heißt es, das Virus sei noch nicht gestoppt worden, es verbreitete sich weiter. Und um die Pandemie in Deutschland zu stoppen, muss R dauerhaft unter 1 bleiben.

Um dieses neue Ziel zu erreichen, wurde eine allgemeine Maskenpflicht eingeführt und die Notwendigkeit einer funktionierenden und gesellschaftlich akzeptierten Tracing-App behauptet. Inzwischen soll laut Kanzlerin Merkel die Krise erst enden, wenn es einen Impfstoff gegen Covid 19 gibt. Das kann allerdings dauern.

Drosten sekundierte der Kanzlerin, dass eine Lockerung des Lockdowns in nicht weniger als einem Desaster enden könnte. Auch bei einem Reproduktionswert unter 1 verbreite sich das Virus “unter der Decke” weiter. Das bedeute, dass es sich in Deutschland in den kommenden Wochen und Monate verteile, während Covid-19-Fälle bisher überwiegend in Hotspots aufgetreten seien. In der nächsten, der zweiten Welle würde sich das Virus dann endgültig exponentiell verbreiten, mit den bereits schon für die erste Welle vorausgesagten (aber nicht eingetretenen) verheerenden Folgen. Weil die Infektionswelle dann überall gleichzeitig starte, hätte sie “eine ganz andere Wucht”. Die üblichen Gegenmaßnahmen reichten dann nicht mehr aus, die Pandemie gerate außer Kontrolle.

“Dann haben wir Situationen, dass Tanklastwagen eben durch Straßen fahren mit Desinfektionsmittel, weil das dann noch Maßnahmen sind, wo man in aller Verzweiflung noch versucht, etwas obendrauf zu setzen“.

Verzweifelt mutete diese Wortwahl an, den Entscheidungsträgern die gewünschte Untermauerung der von ihr gewollten Fortführung des Lockdowns zu geben. Inzwischen räumt der Virologe ein, dass die zweite Welle ausbleiben könnte.

Drosten ist Virologe, kein Mediziner. Er vermischt zum Beispiel die Begriffe Infektion und Erkrankung:

Unter der Decke dieses saisonalen Effektes — da können wir vielleicht uns jetzt auch vorstellen, unter der Decke der sozialen Distanzierungsmaßnahmen, die im Moment in Kraft sind — hat sich diese Erkrankung aber unbemerkt viel besser gleichmäßig geografisch verteilt“.

Nicht eine Krankheit verteilt sich, sondern das Virus, und die Infektion löst nicht immer krankhafte Symptome aus. Auf diese Unterscheidung ist in der „Corona-Krise“ von Anfang an verzichtet worden.

Auch wird in der Debatte um die Maßnahmen viel zu wenig beachtet, dass es vor allem unserem noch gut funktionierenden Gesundheitssystem zu verdanken ist, dass die Corona-Welle bei uns so glimpflich verlaufen ist. Vielen scheint auch nicht bewußt zu sein, dass es ein gut funktionierendes Gesundheitssystem nur mit einer stabilen Wirtschaft gibt. Die Wirtschaft wird aber gerade durch die Politik in die Rezession, oder gar die Depression getrieben. Das ist die viel größere Gefahr für die Gesundheit und das Wohlergehen der Bevölkerung. Allerdings ist das zu vielen Mitbürgern immer noch nicht klar geworden, weshalb die Sirenengesänge immer noch auf zu viele offene Ohren treffen.

Wer seine Freiheit für vermeintliche Sicherheit aufgibt, verliert beides. Vor Infektionen kann kein Staat schützen, das muss jeder Einzelne selbst tun. Dafür brauchen wir mündige Bürger aber keine staatlichen Gängelungen, sondern sachliche Hinweise.

Die Ausfälle sind enorm

Allmählich werden die Folgen des Corona-Lockdowns für das Bildungswesen sichtbar. Über das Ausmaß der entstandenen Unterrichtsrückstände – und wie diese zeitnah sinnvoll ausgeglichen werden können

28.05.2020 – Josef Kraus – http://www.paz.de

Covid-19 hat das Schuljahr 2019/2020 durcheinandergewirbelt. Das zweite Schulhalbjahr bleibt ein Torso, denn ab Mitte März wurden alle Schulen in Deutschland geschlossen. Seitdem haben Deutschlands Schüler je nach Klassenstufe zwischen 200 und 300 Unterrichtsstunden verloren. Das ist ein gewaltiger Kollateralschaden der Pandemie, denn dieses Defizit entspricht mittlerweile einem Viertel, bis zum Beginn der Sommerferien wohl einem Drittel eines Schuljahres.

Die Folgen sind gravierend, wenngleich sie aufgrund großzügigst einsetzender Notengebung im Moment nicht sichtbar sind. Zumal für Grundschüler, bei denen es um den Erwerb grundlegender Kulturtechniken geht, sind 200 ausgefallene Unterrichtsstunden ein Rückstand, der nur mit viel Mühe aufzuholen ist.

Bislang und wohl noch auf längere Sicht mussten und müssen die Schulen die Wochen so recht und schlecht mit „Teleteaching“, „Online-Lernen“, Skypen, „Homeschooling“ und dergleichen überbrücken, aber es ist ein Notbehelf. Das „Homeschooling“ kann den genannten Rückstand nicht ausgleichen. Dass reguläre Schule und Präsenzunterricht auch soziales Lernen sind, lassen wir dabei sogar außer Betracht.

Den vergleichsweise geringsten Schaden haben Kinder bildungsbeflissener Elternhäuser. Denn dort geben Mütter und Väter den Hilfslehrer. Am größten dürften die Versäumnisse in „bildungsfernen“ Häusern sein, zumal dort, wo die Eltern kaum Deutsch sprechen. Angesichts von Schulen mit 80 und mehr Prozent Migrantenanteil potenziert sich damit ein Problem, das die Integrationsfähigkeit des deutschen Bildungswesens noch mehr überfordert und die Integrationsbereitschaft eines Teils der entsprechenden Bevölkerungsanteile noch mehr einschränkt.

Abschlussprüfungen und Zeugnisse

Wiederkehrende schulische Normalität war zunächst bei den Abschlussprüfungen angesagt. Zurecht, denn zum einen konnte man Schülern ab dem 16. Lebensjahr die für die Prüfungen notwendigen Hygienemaßnahmen am wirkungsvollsten vermitteln. Ein Wegfall der Abiturprüfungen, ohnehin auf zwei Wochen verteilt mit maximal dreimal vierstündigem Aufenthalt in Prüfungsräumen, wäre auch im Vergleich mit anderen Bevölkerungsgruppen kaum zu vertreten gewesen – etwa im Vergleich zu Hunderttausenden von Ärzten, Krankenpflegern, Altenpflegern und Supermarktkassiererinnen mit 40 bis 60 Arbeitsstunden pro Woche.

Zum zweiten brauchten die angehenden Schulabsolventen ihre Abschlusszeugnisse auch, um sich um Lehrstellen oder Studienplätze zu bewerben. Dass es schlaue Schülerpetitionen (mit Sprüchen wie „Was nützt mir ein Abitur, wenn ich tot bin“) gab, die Abschlussprüfungen ersatzlos ausfallen zu lassen und fiktive Abschlussnoten zu errechnen, sei erwähnt, hat sich aber in der Politik gottlob nicht durchgesetzt. Auch die Verwaltungsgerichte spielten erfreulicherweise nicht mit. Eine Berliner Abiturientin etwa hatte das Verwaltungsgericht angerufen. Ergebnis: Sie musste am 20. April trotz Corona-Angst ihre erste Prüfung schreiben. Denn dass sie gefährdet sei, so die Richter in einem Eilentscheid vom 17. April, sei nicht zu erkennen.

Die Abschlussprüfungen waren machbar. Das Land Hessen mit seinen rund 24.000 Aspiranten hat die schriftlichen Abiturprüfungen durchgebracht, wiewohl Corona bereits massiv im Anzug war. In Hessen fanden die schriftlichen Prüfungen vom 19. März bis 2. April, also noch vor den anschließenden Osterferien statt. Das Hessen-Abitur wurde – vorbehaltlich mündlicher und Nachholprüfungen – abgeschlossen. Eine Anfrage des Autors dieses PAZ-Beitrages bei der Presseabteilung des Hessischen Kultusministeriums vom 17. April ergab: Dem Ministerium liegen keinerlei Erkenntnisse vor, dass es dabei und danach zu Corona-Ausbrüchen oder -Ansteckungen gekommen wäre.

Und so „läuft“ denn das „Corona-Abitur“. Mit Ausnahme zweier Länder (Hessen und Rheinland-Pfalz), wo die schriftlichen Abiturprüfungen noch vor den Osterferien abgeschlossen wurden, verschoben alle anderen Bundesländer den Start in die Abiturprüfungen um zwei bis drei Wochen (analog die Termine der Zeugnisaushändigung und die Abschlussprüfungen anderer Schulformen). Am 20. April starteten Berlin, Brandenburg und Sachsen ins Abitur, am 21. April Hamburg und Schleswig-Holstein, am 22. April Bremen, am 4. Mai Sachsen-Anhalt, am 8. Mai Mecklenburg-Vorpommern, am 11. Mai Niedersachsen, am 12. Mai Nordrhein-Westfalen, am 18. Mai Baden-Württemberg und Thüringen, am 20. Mai Bayern und am 25. Mai das Saarland. Der Unterricht für die Abschlussklassen war kurz zuvor wieder angelaufen.

Schwierige Rückkehr in den Alltag

Und wie schaut es mit dem regulären Unterricht aus? Nachfolgend Beispiele aus drei ausgewählten deutschen Ländern:
Bayern ist am 11. Mai mit Klassenstufen, die 2021 einen Abschluss machen, in den Präsenzunterricht zurückgekehrt. Auch die Grundschulen haben wieder geöffnet, zunächst aber nur für die vierten Klassen, ab 18. Mai kommen die ersten Klassen dazu, in den Mittelschulen die Jahrgangsstufe 5, an den Realschulen und Gymnasien die Stufen 5 und 6. Dritter Starttermin ist nach den Pfingstferien am 15. Juni. Dann soll der Präsenzunterricht für alle übrigen Jahrgangsstufen an allen Schularten wieder aufgenommen werden.

In Nordrhein-Westfalen haben die Grundschulen am 7. Mai mit den 4. Klassen den Präsenzunterricht wiederaufgenommen. Ab dem 11. Mai wurden tageweise rollierend alle Jahrgänge der Grundschule wieder unterrichtet. Um allen Kindern den gleichen Zugang zur Schule zu ermöglichen, soll pro Wochentag ein Jahrgang in der Schule unterrichtet werden, am Folgetag dann der nächste Jahrgang.

Ab dem 11. Mai kamen an den Hauptschulen, Realschulen und Sekundarschulen neben der Jahrgangsstufe 10 ein bis zwei weitere Jahrgänge rollierend in die Schule. An den Schulformen mit gymnasialer Oberstufe kommen seit dem 11. Mai die Schüler der Qualifikationsphase 1 in die Schule. Ab dem 26. Mai sollten Schüler aus allen Jahrgangsstufen wieder unterrichtet werden.

In Sachsen werden seit dem 18. Mai alle Grundschüler wieder unterrichtet. Die 4. Klassen sind bereits seit dem 6. Mai an den Schulen. Das Bildungsangebot an Grundschulen soll auf die Kernfächer Deutsch, Mathematik, Sachunterricht und Englisch konzentriert werden. An den weiterführenden Schulen liegt der Schwerpunkt in den höheren Klassenstufen auf den schriftlichen Prüfungsfächern. In der Gymnasialen Oberstufe werden vorrangig die Leistungskursfächer sowie Grundkursfächer Deutsch und Mathematik berücksichtigt. Apropos Sachsen: Das Leipziger Verwaltungsgericht hat mit Urteil vom 15. Mai anlässlich einer Klage von Eltern eines Grundschülers den Schulbesuch zu einem „freiwilligen“ Schulbesuch erklärt. Man weiß ja: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand!

Ideen zum Abbau des Rückstands

Der Lernrückstand selbst lässt sich nur aufholen, wenn mit dem neuen Schuljahr 2020/2021 – vorbehaltlich einer zweiten Pandemiewelle – nachholende Maßnahmen ergriffen werden:

1. Kürzung von Ferien. Deutschlands Schüler haben pro Schuljahr 75 Werktage Ferien. Unter Einziehung diverser Feiertage (Ostermontag, Pfingstmontag, Weihnachtsfeiertage) ergibt das in etwa rund 13 Wochen Ferien. Oder umgekehrt: Deutschlands Schüler sind pro Schuljahr rund 39 Wochen in der Schule, sie haben also – Feiertage wieder eingerechnet – weniger als 190 Schultage. Durch „Corona“ haben sie im Schuljahr 2020/2021 bislang mindestens 40 Schultage versäumt. Eine anteilmäßige Kürzung der insgesamt mindestens fünf Ferien des Schuljahres 2020/2021 (Sommer-, Herbst-, Weihnachts-, Oster-, gegebenenfalls Pfingstferien) ließe wenigstens 15 dieser Tage, also rund drei Schulwochen, zurückgewinnen.

2. (Wieder-)Einführung des Sonnabendunterrichts. Einen solchen gab es in Deutschland-West und Deutschland-Ost bis in die 1980er Jahre hinein: in der DDR flächendeckend, in einigen „alten“ Bundesländern gänzlich oder zweimal im Monat. Allein durch die restlose Abschaffung des Sonnabendunterrichts wurde das Unterrichtsvolumen einer beispielsweise zehnjährigen Schullaufbahn um weit mehr als 1000 Unterrichtsstunden gekürzt. (Am Rande: Das entspricht in etwa dem Unterrichtsvolumen eines kompletten Schuljahres.) Mit einem zweiwöchentlich stattfindenden Sonnabendunterricht wären insgesamt innerhalb eines Schuljahres rund 20 Schultage beziehungsweise vier Schulwochen gewonnen.

Bewährte Unterrichtsformen

3. Dynamischer Unterrichtsstil. „Moderne“ Formen des Unterrichts (Gruppenarbeit, Freiarbeit oder Projektarbeit) sind zeitaufwendig und bringen nur den ohnehin fittesten Schülern etwas. Insofern wäre eine Renaissance eines dynamischen, leider zu Unrecht diskreditierten „Frontalunterrichts“ angesagt. Unsere Schüler brauchen gerade jetzt einen ergebnisorientierten (nicht nur erlebnisorientierten) Unterricht. Über den in gewissen Kreisen polemisch diskreditierten „Frontalunterricht“ schreibt der renommierte Gehirn- und Lernforscher Gerhard Roth übrigens: „Der Frontalunterricht eines kompetenten, einfühlsamen und begeisternden Lehrers ist allemal wirksamer als eine wenig strukturierte Gruppenarbeit und ein nicht überwachtes Einzellernen.“ Auch damit kann man Zeit wieder hereinholen.

• Josef Kraus war von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und von 1991 bis 2014 Mitglied im Beirat für Fragen der Inneren Führung des Bundesministers der Verteidigung. Zu seinen Büchern gehört „Wie man eine Bildungsnation an
die Wand fährt. Und was Eltern jetzt wissen müssen“ (Herbig 2017).

Paukenschlag in Thüringen: Ein überraschender Neuzugang im Lager der „Rechten“

25.05.2020 – Ramin Peymani – http://www.peymani.de

In Deutschland gibt es immer weniger Menschen, die als akut Corona-infiziert gelten. Offiziell liegt ihre Zahl inzwischen unter 10.000. Schon die hohe vermutete Dunkelziffer lässt erahnen, dass die meisten Infizierten entweder symptomfrei oder nur milde erkrankt sind. Längst übersteigt die Zahl der „Gesundeten“ die der Neuinfizierten. Die mit Corona in Verbindung gebrachten neuen Todesfälle nehmen immer weiter ab. „Corona-Tote“ gibt es fast nur noch in den bevölkerungsreichsten Ländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg, in denen rund die Hälfte aller Bundesbürger leben. Ansonsten zeigt sich deutschlandweit das Bild einer rapide abflauenden Epidemie, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass die lange Zeit als Maß aller Dinge gepriesene Ansteckungsrate „R“ unter 1 verharrt. Das sind phantastische Nachrichten. Die als Hauptargument für die Lockdown-Maßnahmen ins Feld geführte Überlastung des Gesundheitssystems ist nunmehr ausgeschlossen. Deutschland dürfte Corona nach epidemiologischer Definition überstanden haben und wäre auch für eine „Zweite Welle“ gerüstet. Lokal aufflammende Infektionsherde sind – wie sich am Wochenende gezeigt hat – mithilfe der Erfassungsmaßnahmen schnell eingrenzbar. Es ist daher alles andere als leichtsinnig, weitere Lockerungsmaßnahmen oder gar die vollständige Öffnung zu fordern. Wer dies tut, gilt vielen dennoch als „Corona-Leugner“, Rechtspopulist oder Verschwörungstheoretiker. Nun prescht einer vor, der sich so gar nicht in die sorgsam vorbereiteten Schubladen der polit-medialen Kaste einsortieren lässt.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet ein Vertreter der SED-Nachfolgepartei als Erster ankündigt, den Bürgern ihre volle Freiheit zurückzugeben

Ausgerechnet Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow will sämtliche Corona-Beschränkungen in seinem Bundesland nach Pfingsten aufheben – ein echter Paukenschlag, der einem politischen Erdbeben gleichkommt. Das Unbehagen vieler Journalisten ist förmlich zu spüren, die den Politiker der Linkspartei einerseits nicht ins Lager der „bösen Rechten“ stecken können, andererseits ihrer geliebten rot-grünen Kanzlerin aber auch nicht in die Parade fahren wollen. Die Süddeutsche Zeitung überlässt die Einschätzung sicherheitshalber gleich ganz ihren Lesern. Es ist schon bezeichnend für das auf dem Kopf stehende politische Koordinatensystem, dass ausgerechnet ein Vertreter der SED-Nachfolgepartei als Erster ankündigt, den Bürgern ihre volle Freiheit zurückzugeben, jener Partei, die das Einsperren und Gängeln einst perfektioniert hatte. Inzwischen gefällt sich die Merkel-Union in der Rolle, Freiheitsrechte möglichst lange einzuschränken. Tatsächlich gibt es unter Experten einen heftigen Streit darüber, wann und in welchem Maße eine Rückkehr zur Normalität geboten ist. Einige halten gar unbeirrt an der Forderung fest, es dürfe nie wieder ein Leben geben, wie wir es vor dem erklärten Pandemieausbruch kannten. Allerlei Ideologen kochen dabei ihr Süppchen auf der immer noch hell lodernden Corona-Flamme. Die erheblichen Kollateralschäden der Maßnahmen – auch die gesundheitlichen – bezweifeln allerdings nur noch hartgesottene Realitätsverweigerer. Von 52.000 dringend angezeigten, aber wegen Corona verschobenen Krebsoperationen berichten Deutschlands Ärzte, ebenso von Toten, die hätten verhindert werden können, wären nicht sämtliche Kapazitäten wochenlang für die ausgebliebene Bettenkrise in den Krankenhäusern blockiert worden.

Statt uns fortlaufend mit der Gefahr des Todes zu beschäftigen, müssen wir das Leben wieder annehmen, so schwer dies manchem fallen mag

Wollen wir als Gesellschaft Corona halbwegs heil überstehen, braucht es nun mutige Schritte nach vorne. Ich gehöre zu denen, die das Gros der Maßnahmen für richtig, wenn auch verspätet hielten. Ebenso deutlich sage ich heute: Sie haben ihren Zweck erfüllt. Statt uns fortlaufend mit der Gefahr des Todes zu beschäftigen, müssen wir das Leben wieder annehmen, so schwer dies angesichts von TV-Laufbändern fällt, die unentwegt Infizierte und Verstorbene addieren, statt die geringe Zahl aktiver Infektionen hervorzuheben. Und warum sollen eigentlich auf einmal alle anderen kollektiv für meine eigene Gesundheit verantwortlich sein? Diese Verantwortung trage ich selbst. Dazu gehört, dass ich Gefahrensituationen meide, sei es der ungeschützte Geschlechtsverkehr, der übermäßige Alkoholgenuss oder gar der Gebrauch von Drogen. Ebenso ist es meine Aufgabe – und nicht die des Staates oder meiner Mitbürger – darauf zu achten, pfleglich mit meinem Körper umzugehen, mich ausreichend zu bewegen und mich gesund zu ernähren. Für all das brauche ich weder staatliche Vorschriften noch kann ich im Fall der Unterlassung meine Mitmenschen haftbar machen. Die vielen anderen verbleibenden Lebensriskien kann sowieso niemand ausschalten, so sehr die jahrelange Konditionierung, bei der die politisch Verantwortlichen den Wählern suggeriert haben, ihnen jedes Lebensrisiko abnehmen zu können, eine andere Erwartungshaltung geschaffen hat. Seit Corona soll plötzlich jeder beweisen, dass er für andere keine Gefahr darstellt. Das erinnert fatal an das Wesen von Unrechtssystemen, in denen Angeklagte ihre Unschuld nachweisen müssen und nicht Kläger deren Schuld. Wollen wir wirklich in einer solchen Gesellschaft leben?

Thesenpapier zur Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19

Thesenpapier 2.0

Prof. Dr. med. Matthias Schrappe
Universität Köln, ehem. Stellv. Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit
Hedwig François-Kettner
Pflegemanagerin und Beraterin, ehem. Vorsitzende des Aktionsbündnis
Patientensicherheit, Berlin
Franz Knieps
Jurist und Vorstand eines Krankenkassenverbands, Berlin
Prof. Dr. phil. Holger Pfaff
Universität Köln, Zentrum für Versorgungsforschung, ehem. Vorsitzender des
Expertenbeirats des Innovationsfonds
Prof. Dr. med. Klaus Püschel
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Rechtsmedizin
Prof. Dr. rer.nat. Gerd Glaeske
Universität Bremen, SOCIUM Public Health, ehem. Mitglied im Sachverständigenrat
Gesundheit


Endfassung 2.0.1 vom 03. Mai 2020

Die schalltote Kammer

Alexander Wendt – http://www.tichyseinblick.de – 21.05.2020

Bist du für die Regierung oder ein Aluhut? Nicht erst seit Corona liebt die politisch-mediale Elite Debattensurrogate. Für diejenigen, die wirklichen Streit vermeiden wollen, sind Verschwörungsgläubige wie Attila Hildmann ein großer Glücksfall.

tephan Kohn, der mittlerweile beurlaubte Beamte des Bundesinnenministeriums, wirkt wie eine Figur aus einem Text von Martin Walser. Der 57jährige Oberregierungsrat arbeitete in dem Bereich Kritische Infrastruktur. In dieser Eigenschaft verfasste er ein umfangreiches Papier, gestützt auf Zulieferungen mehrerer Wissenschaftler und Ärzte, das zusammengefasst die These vertritt: Das Herunterfahren der Wirtschaft wegen Covid-19 – der sogenannte Shutdown – ist unverhältnismäßig und dürfte am Ende mehr Schäden an Leben und Gesundheit anrichten als das Virus selbst. Seine Ausarbeitung verschickte Kohn innerhalb des Ministeriums, außerdem gab er sie an die Krisenstäbe des Bundesländer. Er wollte also unbedingt Öffentlichkeit für sein Papier herstellen. Der Beamte erhielt mittlerweile Tätigkeits- und Hausverbot, er musste seinen Dienstlaptop abgeben, ihn erwartet ein Verfahren, das seine bescheidene Ministeriumskarriere mit Sicherheit beenden wird, möglicherweise auch seine Existenz als Beamter.

Manches an seinem Papier mag sich in der Formulierung als zu pauschal herausstellen, etwa sein Urteil, es gebe „keinen vernünftigen Zweifel mehr, dass die Coronawarnung ein Fehlalarm war“; der Staat habe in der Coronakrise „in geradezu grotesker Weise versagt“. Staatliches Handeln mit einer Vorsicht, die sich später als übertrieben herausstellen kann, wäre angesichts eines bis vor kurzem noch unbekannten Virus nichts Verwerfliches. Allerdings hält Kohn der Bundesregierung auch keine böse Absicht vor.

Auch die Zuarbeiten seiner akademischen Helfer könnten sich bis Ende des Jahres an der einen oder anderen Stelle als ungenau oder inkorrekt herausstellen. Trotzdem schwebt über Kohn, dem Ministerium, der Bundesregierung und mehr oder weniger dem gesamten Land die Frage: Was ist, wenn die zentrale Aussage zutrifft? Wenn der Shutdown auf wirtschaftlichem Gebiet durch drastische Einkommensverluste und Insolvenzen, auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge durch verschobene Operationen und Routineuntersuchungen tatsächlich größere gesundheitliche Schäden anrichtet als SARS-CoV-2? Das könnte vor allem dann der Fall sein, wenn sich auch noch zeigt, dass der Shutdown eine viel geringere Auswirkung auf den Pandemieverlauf hatte als von der Regierung bisher gelaubt oder behauptet wird. Zwei Ökonomen des bundeseigenen Instituts für Arbeitsmarkt und Beschäftigungsforschung (IAB) untersuchten gerade die Wirksamkeit der einzelnen Corona-Maßnahmen in Deutschland. Nach ihren Berechnungen führte vor allem der Verzicht auf Großveranstaltungen zu einem Rückgang der Neuinfektionen. Einen Effekt der Wirtschaftsstillegung auf den Pandemieverlauf konnten sie nicht erkennen. Auch eine Untersuchung eines Teams um die Mathematikerin Tanja Stadtler von der ETH Zürich kam für Schweiz zu dem Schluss, dass vor allem das Verbot von Großveranstaltungen die Neuinfektionen nach unten gedrückt hatte. Als die Schließung von Läden und Friseurbetrieben verfügt wurde, befand sich die Infektionskurve schon im Fall.

Die Behauptung, ohne die drastischen Wirtschaftseinschränkungen wären die Infektionszahlen explodiert, steht also auf wackligem Grund. Der amerikanische Epidemologe John P. A. Ioannidis warf schon im März in einem Aufsatz die Frage auf, ob der Corona-Shutdown an einem bestimmten Punkt mehr schaden als nützen könnte, und verwies auf die schwache Datenbasis, auf die Politiker ihre Entscheidungen stützten: „Wie können politische Entscheider erkennen, ob sie mehr Schaden als Nutzen verursachen?“ (How can policymakers tell if they are doing more good than harm?“) Seine vorsichtige Antwort damals: Die Todesrate bezogen auf die Gesamtfälle, die so genannte Case Fatality Rate (CFR) liege bei Covid-19 deutlich niedriger als von der WHO zunächst angenommen, wahrscheinlich deutlich unter einem Prozent. Je länger Maßnahmen andauern, die den Lebensstandard von Millionen Menschen schlagartig verschlechtern, so Ioannidis, desto wahrscheinlicher, dass sich die Nebenwirkungen der Corona-Bekämpfungspolitik schlimmer auswirken als das Virus selbst. Inzwischen sprechen mehr Hinweise als noch im März dafür, dass die Befürchtung des Wissenschaftlers plausibel sind. John Ioannidis, der in Stanford lehrt, gehört zu den renommiertesten und am häufigsten in wissenschaftlichen Veröffentlichungen zitierten Epidemiologen weltweit. Auch darin liegt natürlich keine Garantie, dass er mit allem richtig liegt. Aber seine Bedenken lassen sich nicht ohne weiteres wegwischen, auch nicht andere Untersuchungen, die in seine Richtung deuten. Und auch nicht die Zusammenstellung des einzelnen Beamten aus Berlin.

AUTOKRATEN BRAUCHEN STAATSFEINDEStudie aus dem BMI Teil 6: Vom „Klima-Leugner“ zum „Corona-Leugner“Bisher brachte das Innenministerium auch erstaunlich wenig Inhaltliches gegen Kohns Papier vor. Es widerspreche, sagte Innenminister Horst Seehofer, den „geistigen Grundlagen“ der Anti-Coronapolitik der Bundesregierung. Worin diese geistigen Grundlagen bestehen, sagte er nicht. Jedenfalls müssen sie sich seit Januar stark verändert haben. Immerhin erklärte Gesundheitsminister Jens Spahn damals Covid-19 für „milder als eine Grippe“ und riet von Gesichtsmasken mit der Begründung ab, es gebe gar keinen Beleg dafür, dass sich das Virus über die Atemluft übertrage. In einer Mitteilung, mit der das Ministerium auf die Kohn-Ausarbeitung reagierte, heißt es, „viele Länder“ hätten „ähnliche Maßnahmen“ zur Bekämpfung der Pandemie ergriffen wie Deutschland, und die Maßnahmen seien „wirksam“.

Beides bestreitet niemand. Nur unterscheiden sich die Strategien von vergleichsweise sehr viel erfolgreicheren Ländern wie Südkorea und Taiwan in zwei wesentlichen Punkten: Sie führten schon Hygiene- und Quarantänemaßnahmen ein, als in Deutschland noch Großveranstaltungen stattfanden, verfügten aber nie einen Shutdown der Wirtschaft. Südkorea mit seinen 51 Millionen Einwohnern verzeichnet bis jetzt (18. Mai 2020) 263 Tote durch SARS-CoV-2, Deutschland bei 83 Millionen Einwohnern 7.977 Tote, Belgien beklagt mit 9.080 Toten bei gut 11 Millionen Einwohnern trotz eines rigiden Shutdowns sogar die weltweit höchste Opferrate im Verhältnis zur Einwohnerzahl.

Wirksam war und ist die wochenlange Stilllegung der Dienstleistungswirtschaft in Deutschland zweifellos, wie sich an 10 Millionen Kurzarbeitern und einem Steuerausfall von mindestens 100 Milliarden Euro ablesen lässt. Aber auch wirksam gegen die Virusausbreitung? Für einen ähnlich einschneidenden gesundheitlichen Effekt fehlt bisher, anders als bei den allgemeinen Quarantäne- und Hygienemaßnahmen, der Beleg. Jedenfalls führte das Bundesinnenministerium in seiner Stellungnahme keinen an. Die meisten Medien betonen, Kohn sei ein Sonderling, die Ausarbeitung habe er ohne Genehmigung verfasst. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Kevin Kühnert twitterte unter großem Hallo, er sei Kohns Ortsvereinsvorsitzender in Lichtenrade-Marienfelde, und hängte ein Bewerbungsvideo Kohns für den SPD-Parteivorsitz an. Offenbar hielt er das für einen wichtigen Fingerzeig auf die Verschrobenheit seines Genossen. Es beweist nur nichts für oder gegen dessen Thesen. Auch ein 57jähriger Oberregierungsrat kann in einem wesentlichen Punkt gegen den kompletten politischen Apparat Berlins Recht behalten. Was also, wenn genau das passiert?

Möglicherweise gilt dann frei nach Hegel: Umso schlimmer für den Oberregierungsrat. Die Frage nach dem Umgang mit Leuten wie Kohn und den Wissenschaftlern, die er in seinem Papier zitiert, führt weit über Corona hinaus. Wie verfahren diejenigen in Politik und Medien, die Definitionsmacht besitzen, mit Einwänden? Das mediale Verfahren lässt sich beispielhaft an einem Bericht der Tagesschau vom 10. Mai studieren, der das Papier aus dem Innenministerium mit so genannten Corona-Demonstrationen unter dem Stichwort „Verschwörungstheorien“ zusammenrührt. Über den Inhalt der Ausarbeitung erfahren die Zuschauer: nichts. Noch nicht einmal nichts: Der Sprecher serviert ihnen eine Metarealität.

„Ein Gegner der Coronamaßnahmen – ausgerechnet im Bundesinnenministerium: Er soll den Umgang mit Covid-19 als globalen Fehlalarm bezeichnet haben“, erklärt ein Tagesschau-Reporter, während Bilder einer Demonstration laufen:
„Seine Privatmeinung habe er mit einem offiziellen Briefkopf verschickt, heißt es in einer Pressemitteilung. Es ist der gleiche Tenor wie bei den Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen, etwa in Erfurt.“
Ein Demonstrant wird eingeblendet: „Ich hol‘ mir meine Informationen aus dem Internet. Das deckt sich nicht mit dem, was ich jeden Tag im Fernsehen und Presse serviert kriege.“
Dann wieder der Sprecher aus dem Off: „Ein Blick ins Internet zeigt, wo der Hass herkommt. Verschwörungstheoretiker hetzen derzeit vor allem gegen Bill Gates, der sich weltweit für Impfungen einsetzt und angeblich auch die Regierung und Medien manipuliere.“
Dazu zeigt die Tagesschau den Chef der Identitären Bewegung Österreichs, Martin Sellner, beim Reden im Grünen. Sellners Name wird nicht erwähnt, das Schnittmaterial ist alt und hat mit den aktuellen Coronademonstrationen in Deutschland nichts zu tun. Mit dem Papier von Kohn schon gar nichts. Dessen Inhalt stammt auch nicht „aus dem Internet“, sondern, siehe oben, von mehreren Wissenschaftlern und einem Arzt. „Hass“ und „Hetze“ findet sich darin nirgends. Mit ihren suggestiven Bildschnitten und Behauptungen suggeriert die Tagesschau aber, das sei der Fall, und die Identitären, die Demonstranten in Erfurt und anderswo und der Mann aus dem Innenministerium steckten unter einer Decke.

Die ARD-Sendung arbeitet also exakt nach dem Muster von Verschwörungstheoretikern: Unterstellen, behaupten, wider besseres Wissen zusammenmixen, was nicht zusammengehört.

Diese Praxis erstreckt sich mittlerweile nicht nur auf leichte Gegner wie einen praktisch für unzurechnungsfähig erklärten und wehrlosen Beamten, sondern auch auf einen Politiker wie den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Er hatte bekanntlich leicht abgewandelt die gleiche Frage gestellt wie der amerikanische Epidemologe Ioannidis: Könnte es sein, dass der erzwungene Wirtschaftsstillstand mehr Opfer fordert als Covid-19? Wenn ja: Was sollte die Gesellschaft daraus für die nächste Infektionswelle und die nächsten Pandemien lernen?

Auch in Palmers Fall folgte keine Argumentation in der Sache. Noch nicht einmal die halbwegs korrekte Wiedergabe seiner Position. Stattdessen zitierten die meisten Medien und seine Gegner einen einzigen Satz von ihm, der isoliert von dem Rest so klang, als fordere er dazu auf, alten Infizierten mit Vorerkrankungen die medizinische Hilfe zu verweigern. Das war eine böswillige Unterstellung. Trotzdem brachten ihn andere Grüne, die ihn schon seit langem aus der Partei entfernen wollen, in Verbindung mit dem Begriff ‚Selektion’ und in die Nähe des Auschwitz-Arztes Josef Mengele. Hundert Mitglieder der Grünen, die den Ausschluss des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer aus ihrer Partei forderten, begründeten das mit der Feststellung, Palmer habe sich schon in der Migrationsdebatte als „unbelehrbar“ erwiesen. Womit sie noch einmal fürs Protokoll festhielten: Es geht ihnen um Belehrung, nicht um Argumentation. Denn ihre Aufforderung, Palmer auszuschließen, formulierten sie ähnlich argumentationsfrei wie das Bundesinnenministerium seine Stellungnahme zu Kohns Papier und die Tagesschau ihre Berichtssimulation zu ihrem selbstgewählten Thema ‚Verschwörungstheorien’.

Nach diesem Muster einer Spieluhr, die nur ein einziges Stück in petto hat, laufen gesellschaftliche Großdebatten in Deutschland nicht erst seit Corona ab.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und andere wohlmeinende Vertreter des Guten betonen zwar bei fast jeder Wortmeldung, dass natürlich ein „Dialog“ geführt, also irgendwie geredet werden müsse. Beim genaueren Hinhören und -lesen zeigt sich, dass damit kein Gespräch unter grundsätzlich Gleichen gemeint ist, sondern eine Art Verkaufsgespräch, das auch noch sehr einseitig geführt wird. Bürger dürfen nach dieser Vorstellung gern „Fragen stellen“ und von ihren Sorgen sprechen, sollen dann aber die Antworten von Regierungspolitikern und ihren alliierten Medien möglichst bis in einzelne Wortprägungen hinein übernehmen. Tun sie das nicht, sagt sich die wohlmeinende Seite, die Antwort müsse eben noch einmal besser erklärt werden. Fruchtet auch das nicht, folgt der nächste und letzte Schritt, nämlich die Feststellung, ein Gespräch mit diesen Antwortübernahmeverweigerern sei eben sinnlos, sie seien unbelehrbar. Ja, Sprechen sei dann nicht nur sinnlos, sondern sogar gefährlich, da so nur die falschen Ansichten legitimieren würden.

Genau das schrieb kürzlich eine Spiegel-Journalistin über den Auftritt des Kabarettisten Matthias Richling bei Maischberger: Richling hatte dort die ähnliche Frage wie Palmer und andere nach den Kollateralschäden der staatlichen Corona-Maßnahmen gestellt (und übrigens COVID-19 mit einer Grippe verglichen, ungefähr so also wie Jens Spahn im Januar 2020). „Wer Faschisten in eine Diskussionsrunde einlädt“, so die Spiegel-Autorin, „legitimiert sie und ihre Position“ und „überlässt verantwortungslos viel Raum für Realitätsverweigerung“.

In seiner letzten Ausgabe nannte der Spiegel Leute wie Palmer „Dissidenten“. Der SPD-Abgeordnete Helge Lindh sagte in seiner Bundestagsrede, bei den Wissenschaftlern, die an dem verfemten Corona-Papier des Innenministeriums mitgearbeitet hatten, handele es sich um „renitente Wissenschaftler“, die „die Position der Bundesregierung vehement ablehnen“. Und deshalb handle es sich nicht um Wissenschaft.

Wäre es nach den gravierenden Fehleinschätzungen der politischen und medialen Elite zu Corona – „milder als eine Grippe“ (Spahn), „Masken nützen nichts“ (Spahn, Robert-Koch-Institut), „Grenzschließungen kein adäquates Mittel“ (Merkel) – wäre es nach all diesen erzwungenen Wendungen für diese Elite nicht naheliegend, etwas bescheidener aufzutreten und um Nachsicht für sich selbst und andere zu bitten?

Überhaupt nicht, meint der SPD-Politiker Karl Lauterbach in einem Zeit-Interview: „Ich finde nicht, dass wir eine Bringschuld haben, uns unters Volk zu mischen, um angebliche Versäumnisse wiedergutzumachen.“

Die politisch-mediale Elite des Landes präsentiert sich als erstaunlich homogene Gruppe, die kaum noch einen Dissens erträgt.

Wann begann diese erstaunliche Verkapselung?

Wahrscheinlich schon mit der so genannten Energiewende, in deren Verlauf Politiker und Journalisten erstaunliche Prognosen abgaben. Der grüne Strom werde billig sein – keine Erhöhung der EEG-Umlage bis 2020, so Merkel 2011 – , sollte es doch etwas mehr kosten, werde ein grünes Jobwunder alles wieder ausgleichen, die Energiewende werde Deutschlands „Exportschlager“ (Peter Altmaier) für die Welt sein: diese Erklärungen wurden wieder kassiert, aber eben stillschweigend, ohne Revision der Grundidee, und vor allem ohne die Frage, wie sich serielle Fehlentscheidungen auf die eigene politische Kreditwürdigkeit auswirken.

Mit der Migrationskrise von 2015 entstand dann endgültig der Zustand der institutionalisierten Debattenverweigerung, der das Land wahrscheinlich jetzt schon tiefer prägt als der Epochenbruch von 1968. Worin die Debatte hätte bestehen können, das blitzte für winzige Momente auf, die sofort wieder unter dem Schutt der Belehrungsdialoge begraben wurden. Die Zeit führte 2015 ein Interview mit dem britischen Migrationsforscher Paul Collier, einem Wissenschaftler, der darauf hinweist, dass eine unlimitierte Einwanderung von armen Ländern in reiche auf Dauer beiden schadet: den reichen, weil sie dort den Sozialstaat überdehnt, den armen, weil es eben nicht die ‚Ärmsten der Armen’ sind, die fortgehen, sondern die dortige Mittelschicht. Die Zeit-Redakteure fragten Collier damals, was er zu den Demonstrationen von Pegida sage, und erwarteten offenbar eine moralische Antwort. Collier sagte, die Proteste seinen die Folge einer unterbliebenen Debatte über Einwanderung in der Mitte der Gesellschaft. Aber darüber, so die Zeit-Interviewer, würde doch debattiert.
Collier: „Wir erleben eine emotionale, lächerliche und polarisierte Debatte. Sie gipfelt ständig in einer Frage: Ist Einwanderung gut oder schlecht? Die einen sind bedingungslos für mehr Einwanderung, die anderen lehnen sie ab. Dabei ist diese Frage Nonsens.“

Die in Wirklichkeit undebattierte Frage, so Collier, laute: „Wie viel Migration ist für alle am besten? Das ist die entscheidende Frage – und zwar sowohl für die reichen Länder, in die gewandert wird, als auch für die Herkunftsländer.“

Am 22. November 2017 veröffentlichte die FAZ einen Text des Hamburger Rechtsphilosophen Reinhard Merkel unter dem Titel: „Wir können allen helfen“. Darin schreibt er, die Grenzöffnungsentscheidung seiner Namensvetterin sei ein „moralisches Desaster“: während mit einer abstrakten Weltmoral jeder in Deutschland eingelassen und versorgt werde, der es bis zur Grenze schaffe, würden die viel Hilfsbedürftigeren völlig ausgeblendet, die gar nicht erst das Geld für einen Schlepper aufbringen könnten.
„Zum moralische Desaster wird die deutsche Migrationspolitik mit der nachgerade tragischen Fehlallokation der Mittel“, so Reinhard Merkel: „An die 300 Milliarden Euro werden die Aufnahme und die Versorgung schon der bisher Zugewanderten in den kommenden zehn Jahren kosten. In den oft bitterarmen Ländern ihrer Herkunft wäre dieses Geld das Zehn- bis Fünfzigfache wert. Damit ließe sich das Elend der Menschen dort, ja beinahe das der ganzen Welt in ungleich höherem Maße lindern als durch die Aufnahme und Versorgung jenes Bruchteils von ihnen, der es bis hierher geschafft hat.“

Wie heute bei der Frage der Corona-Maßnahmen und ihren Folgen ging es Collier und Merkel bei der Migrationsfrage um eine Abwägung, also um Dialektik. Beziehungsweise: darin hätte der Gegenstand eines echten Gesprächs bestanden.

Reinhard Merkels Text gehört zu den intelligentesten deutschen Wortmeldungen in der Migrationsdebatte. Und er blieb für diese Debatte völlig folgenlos. Er konnte zwar erscheinen, so, wie auch Collier seinen kurzen Auftritt hatte. Er ihm folgte weder ein politisches noch ein nennenswertes mediales Echo. Die wesentlichen Meinungspräger der Republik entschieden sich, diese Gedanken in eine schalltote Kammer zu sperren, und sich selbst und den öffentlichen Raum mit Formeln wie „Menschlichkeit kennt keine Obergrenze“ zuzudröhnen. Eine Formel wie „Menschlichkeit kennt keine Obergrenze“ enthält keine offene Frage. Es lässt sich darauf nichts Sinnvolles entgegnen. Sie tötet das Gespräch.

Statt mit Leuten wie Collier und Reinhard Merkel zu debattieren, stürzten sich die meisten Politiker und Leitartikler seinerzeit auf Pegida und dessen Gründer Lutz Bachmann. Bachmann erwies sich für die Mitglieder der Meinungselite seinerzeit als ähnlicher Glücksfall wie Ken Jebsen und Attila Hildmann heute in der Corona-Nichtdebatte. Ihnen fühlen sich die Meinungsführer nicht nur moralisch überlegen, sondern, nicht ganz unwichtig, auch intellektuell gewachsen. Neben dem Pegida-Häuptling wirkt in der Tat jeder Spiegel-Online-Schreiber gut und klug. Indem sie den Nachweis führten, dass es sich bei Bachmann um einen beschränkten Tribun mit kleinkrimineller Vergangenheit handelte, waren sie sich sicher, auch die Richtigkeit der Migrationspolitik von Angela Merkel bewiesen zu haben. Und ihre eigene Brillanz gleich mit.

Erstaunlicherweise merken die Debattensimulanten nicht, wie sehr sie in ihrer Gut-Böse-Aufteilung und ihrer völligen Fraglosigkeit denjenigen ähneln, die sie Seite an Seite bekämpfen. Auf wunderbare Weise bestimmt ein durchgedrehter Koch die wesentlichen Regeln der öffentlichen Kommunikation in Deutschland mit, mindestens so sehr wie ein Chefredakteur eines großen Mediums oder eine Talkshowgastgeberin.

So, wie Paul Collier 2015 in der Migrationsdebatte ein Phantom blieb, ein Wissenschaftler, der keiner Antwort gewürdigt wurde, bleibt der amerikanische Epidemologe John Ioannidis mit seinen Fragen nach Nutzen und Kosten der Corona-Maßnahmen ohne Echo. Er lässt sich schlecht als Leugner, Faschist, Regierungsgegner oder Aluhut brandmarken. Aber so zu tun, als gäbe es ihn und seine Fragen gar nicht (und als würden sich die Abwägungsfragen nicht auch ohne ihn stellen), dieses Mittel funktioniert immer, und die meinungsprägende Elite wendet es mittlerweile mit großer Routine an.

Um zum Anfang zurückzukehren: was passiert also, wenn die wesentliche These des linkischen Oberregierungsrats (demnächst wahrscheinlich a. D.) zutrifft, dass der Corona-Shutdown mittelfristig mehr Opfer kostet als das Virus? In der Atmosphäre eines ohnehin schon stark gestörten gesellschaftlichen Gesprächs festigt ein solches Ergebnis wahrscheinlich die Fronten, so, wie auch alle Falschprognosen und Illusionen in der Energiepolitik, in der Migrationsfrage und beim Euro dazu geführt haben, dass die Produzenten der Falschprognosen enger zusammenrückten. Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche, der 2015 ein Wirtschaftswunder durch all die hervorragend gebildeten Facharbeiter aus Arabien und Afrika vorhersah, muss heute von keinem Chefredakteur und von keiner Katrin Göring-Eckardt („wir kriegen Menschen geschenkt“) Kritik befürchten und umgekehrt. Die Tatsache, dass schon vor der Corona-Rezession die meisten Migranten aus Syrien und Somalia von Harz IV lebten, bleibt in der schalltoten Kammer, wo die offizielle deutsche Gesellschaft ihre undebattierten Fragen mittlerweile gewohnheitsmäßig stapelt. Woher kommt der grundlastfähige Strom für die Millionen Elektroautos der Zukunft, wenn alle grundlastfähigen Kraftwerke vom Netz gehen, nach Willen der Grünen als nächstes auch die Gaskraftwerke? Wer erwirtschaftet die Umverteilungsmittel der Zukunft für Deutschland und demnächst die halbe EU, wenn jetzt schon nur 18 Millionen Nettosteuerzahler auf 83 Millionen Deutsche kommen, und die Einwanderung in die Sozialsysteme ungebrochen weitergeht, weil sie ja moralisch alternativlos ist? Und, auf Corona gewendet: muss jetzt auch bei jeder Influenzawelle wie 2017/18 die Wirtschaft wochenlang stillgelegt werden, weil Nutzen und Schaden einer Maßnahme nicht abgewogen werden dürfen?

Diejenigen, die diese Fragen in die Abstellkammer schieben, haben sich entschieden, dass es besser ist, die Tür immer nur für die Eskamotierung der nächsten Frage ganz kurz zu öffnen, aber um Gottes Willen bloß nicht hineinzuschauen. Wo sollte man auch anfangen? Den wenigen Publizisten und sonstigen Einzelmeinern, die versuchen, diese Kammer wenigstens ab und an zu lüften, werden die Rechtschaffenen schon noch nachweisen, dass sie den Aluhut tragen oder Aluhutträgern zumindest Wasser auf die Mühlen gießen. Das verwandte Kleidungsstück, die spitze Papiermütze, steht nach Ansicht vieler Leitartikler neuerdings sogar renitenten Bundesverfassungsrichtern gut.

So, wie es hieß: Bist du für die Energiewende oder ein Klimaleugner?, bist du für grenzenlose Menschlichkeit oder ein Rassist?, bist du für die Corona-Maßnahmen der Regierung oder ein Aluhut?, so wird es sehr bald auch bei der billionenhohen europäischen Schuldenvergemeinschaftung von Seiten der Wohlmeinenden heißen: Bist du für Solidarität, oder bist du ein nationalistischer Egoist? Ein Land, dessen Repräsentanten in Politik und Medien sich diese Art der Gesprächssimulation an- und jede Dialektik abgewöhnt haben, kann sich selbst beim Dümmerwerden zuschauen.

Es gibt nur eine Tücke dabei: Mit jeder Fehlprognose, mit jedem kollektiven Irrtum wachsen die Glaubwürdigkeitsschulden des Milieus weiter, das auf seine Irrtümer beharrt. Anders als Zentralbankgeld ist ideeller Kredit nicht beliebig vermehrbar.

Und Glaubwürdigkeit lässt sich nicht erzwingen. Selbst in repressiven Systemen nicht.

Der willkommene Feind: Wie sich die Politik Corona zunutze macht

Ramin Peymani – 11.05.2020 – http://www.peymani.de

Die Politik lebt von Feindbildern. Diese dienen dazu, Maßnahmen durchzusetzen, die ohne Angst vor einer realen oder imaginären Bedrohung von einer Mehrheit nicht akzeptiert würden. Mit dem Ende des „Kalten Krieges“ mussten neue Feindbilder her. Und so entstanden Umweltsünder, unbelehrbare Ostdeutsche und kapitalistische Heuschrecken. Zu ihnen gesellten sich im vergangenen Jahrzehnt die sogenannten Anti-Europäer, Asylgegner, Islamhasser und Klimaleugner. Zwar fordert der weitaus größte Teil der auf diese Weise Stigmatisierten lediglich, die Europäische Union demokratischer zu machen, Zuwanderer gegenüber allen anderen Bevölkerungsgruppen nicht zu bevorzugen und bei Klimaschutzmaßnahmen Ideologien außen vor zu lassen, doch hindert dies Politik und Medien nicht daran, sie zu Rechtspopulisten zu erklären, immer mit dem Hinweis, unter ihnen befänden sich auch Rechtsextreme. Dies ist ein perfider Trick, mit den man Kritiker nicht nur aus dem gesellschaftlichen Diskurs verbannt, sondern dort, wo sie genügend Anhänger finden, vorsichtshalber auch gleich noch zu kriminalisieren versucht. Nun ist ein Virus der neue Feind und mit ihm alle, die sich der medialen Dauerpanik nicht anschließen wollen. Es handelt sich dabei um eine geschickte Weiterentwicklung der Feindbild-Politik, entzieht sich ein Virus doch jeder Argumentation. Es wird sich weder dagegen wehren, mit allen möglichen Bedrohungen aufgeladen zu werden, noch wird es ungewollt erlahmen. Die Politik hat ein neues Feindbild aufgebaut, das – zusammen mit seinen schon heute absehbaren Nachfolgern – ebenso lange tragen dürfte, wie die Feindbilder zu Zeiten des „Eisernen Vorhangs“.

Was die aktuelle Corona-Diskussion offenbart, ist eine ausgeprägte Neigung, den Neustart zur Durchsetzung aller denkbaren Ideologien zu nutzen

Mit Corona lassen sich selbst Entscheidungen rechtfertigen, die in einer Demokratie normalerweise undenkbar wären. Und noch leichter als sonst können Kritiker getroffener Regelungen und künftiger Maßnahmen als Rechtspopulisten gebrandmarkt werden. Um es deutlich zu sagen: Ich halte nichts von Theorien, die das Bild einer großen Weltverschwörung zeichnen, bei der ein Krankheitserreger nur zu dem Zweck gezüchtet worden wäre, einen Teil der Menschheit zu vernichten. Ebenso absurd erscheint mir der Gedanke, ein Geheimnetzwerk wolle die Weltherrschaft mittels implantierter Chips übernehmen. Was die Krise jedoch offenbart, ist eine ausgeprägte Neigung, den in vielen Bereichen notwendigen Neustart nach dem Durchschreiten des vor uns liegenden Tals zur Durchsetzung aller denkbaren Ideologien zu nutzen. Und es entspringt keiner Verschwörungstheorie, wenn sich der Eindruck aufdrängt, dass der aktuelle Krisenmodus für manche Verantwortlichen nicht lange genug andauern kann. Dies liegt nicht nur daran, dass die Regierenden und deren Parteien raketenhafte Zustimmungszuwächse verzeichnen, wie dies in großen Krisen üblich ist. Es liegt vor allem daran, dass es sich in Zeiten des Notstands weitaus einfacher durchregieren lässt. Wo man sich sonst in zähen Parlamentsdebatten vieles mühsam erkämpfen muss und manches gar nicht erst auf den Weg bringen kann, wird nun quasi per Dekret regiert. Formal hat das vielleicht seine Richtigkeit, doch die unter Ausschluss der Öffentlichkeit im kleinen Kreis stattfindenden Videokonferenzen sind nun einmal auf Dauer mit demokratischen Grundsätzen nicht vereinbar.

Die Politik will nicht, dass die Krise vorzeitig endet – sie hat Blut geleckt, und der seit zwei Monaten laufende Feldversuch scheint ihr recht zu geben

Corona erscheint als willkommener Feind. Während Grüne das Virus als schlagenden Beweis für die lebensbedrohlichen Folgen der Umweltzerstörung werten und die Vollendung des Ökosozialismus herbeireden, sehen Linke die Zeit für das bedingungslose Grundeinkommen gekommen, von dem sie seit jeher träumen. Andere möchten die Bürger gerne dauerhaft an der kurzen Leine wissen, wofür eine Überwachungs-App wie gerufen kommt. Und jene, die sich der Errichtung einer allumfassenden Transferunion verschrieben haben, können gar nicht genug Geld verteilen, das nach ihrem kruden Verständnis anschließend ja lediglich neu gedruckt werden muss. Dass SPD-Dauertalker Lauterbach den regulären Schulbetrieb noch mindestens ein Jahr lang aussetzen möchte, spricht ebenso Bände wie die regierungsamtliche Mitteilung, es werde ohne einen Impfstoff keine Rückkehr zur Normalität geben. Schon sinniert die Große Koalition über eine wohlgemerkt erst im Herbst 2021 stattfindende Bundestagswahl als reine Briefwahl. Dies zeigt, mit welchem Horizont die Verantwortlichen an die Sache herangehen. Sie wollen nicht, dass die Krise vorzeitig endet. Die große Zeit der Ideologen ist angebrochen. Die Politik hat Blut geleckt. Und der seit zwei Monaten laufende Feldversuch scheint ihr recht zu geben. Die breite politische Einigkeit, es werde anschließend nie wieder so sein können wie zuvor, lässt tief blicken – und darf durchaus als Drohung verstanden werden. Unsere Demokratie muss jeden Tag aufs Neue verteidigt werden. Auch und vor allem gegen diejenigen, die ein Virus als Rechtfertigung dafür benutzen, Grundrechte dauerhaft einzuschränken.

Der Irrsinn geht weiter (2) – Ansichten einer praktischen Ärztin

Vera Lengsfeldhttp://www.vera-lengsfeld.de

Von Gastautorin Dr. Sauer

Die mit viel Pathos und wenig Evidenz auferlegten Restriktionen im Kampf gegen den großen Feind Corona und für die Reinheit des Volkes, Verzeihung, der Bevölkerung, werden von immer mehr Menschen in ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragt. Bezeichnenderweise steigt in gleichem Maße die Aggressivität gegenüber denjenigen, die sich trauen, ihre Kritik öffentlich zu äußern. Es lässt sich feststellen, dass eine Menge erwachsener Menschen gerade wie kleine Kinder reagiert. Und zwar so wie Kinder, die wissen, dass die Eltern ihnen Unrecht tun, aber trotzdem auf das Geschwisterchen einprügeln, welches es als einziges wagt, sich zur Wehr zu setzen, denn sie fürchten wegen des Widerspruchs des Kleinen die Kollektivbestrafung durch die Großen.

Da dürfen wir nun wieder ein klein bisschen an der Freiheit schnuppern, stets verbunden mit der Drohung, dass, wenn wir uns nicht ordentlich („rücksichtsvoll“) benehmen und „die Zahlen“ wieder in die Höhe gehen, sich die Käfigtür auch ganz schnell wieder verschließen kann. Wie sich das anfühlt und auch, wie flott das gehen kann, davon haben ja alle einen Vorgeschmack bekommen in den letzten Wochen. Die so erzeugte Angst mittels Einschüchterung schafft blinden Gehorsam. Zu den Maulkörben im Laden und im Bus gesellen sich mancherorts inzwischen Schwimmnudeln auf den Schultern unserer Grundschulkinder oder – ganz freiwillig getragen – Propeller auf den Köpfen von Restaurantbesuchern als Abstandsmarkierer. Ich weiß nicht, was noch alles dazukommt, um die – Entschuldigung – Blödheit, Unterwerfung und Demütigung eines ganzen Volkes zu visualisieren. Einen bedeutsamen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben alle diese Maßnahmen mit großer Wahrscheinlichkeit jedenfalls nicht.

Ich suche vergeblich seit Monaten den gesunden Menschverstand. Unsere politischen Entscheidungsträger sind vom Verleugnen und Bagatellisierung am Anfang der Coronaepidemie direkt in den Panikmodus verfallen, in dem wir uns seither noch immer befinden. Wer nicht mit dem Strom mitschwimmt, wird stets und ständig als Spinner, Verschwörungstheoretiker oder Rechtsextremist diffamiert. Ich erlebe es, dass die selben Leute, die mich zu Beginn der Epidemie wegen meiner Vorsicht verlacht haben, während sie sich selbst mit ihrer eigenen Sorglosigkeit brüsteten, mich jetzt als rücksichtslos, egoistisch und bescheuert beschimpfen, weil ich nun, bei deutlich rückläufigem Infektionsgeschehen und viel besserem allgemeinen Kenntnisstand über die Erkrankung, keine Angst mehr vor einer Überlastung unseres Gesundheitswesens durch Covid-19-Patienten habe und dementsprechend nicht jeden geforderten Quatsch mitmache.

Es sind übrigens die selben Leute, die die forcierte kulturfremde Massenimmigration bilderbuchromantisch als Bereicherung verklärt haben. Die Furcht vor etwas Fremden oder auch nur eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem Unbekannten, dem möglicherweise auch etwas Bedrohliches innewohnen kann, so lange man es noch nicht näher kennengelernt hat, ist bei ihnen nicht ausgebildet oder gar als etwas Schlechtes aberzogen worden, obwohl es sich dabei eigentlich um einen Überlebensinstinkt handelt. Dafür sind sie umso leichter manipulierbar und steuerbar. Reichen die moralische Aufwertung und der Machtzuwachs zum Gefügigmachen nicht aus, wird die Prise Angst eben erhöht. Wir sehen gerade, wie die, die sich selbst als die größten Nonkonformisten betrachten, in Wirklichkeit die bravsten Untertanen sind. Große Kinder eben, die nur Rabatz machen, wenn man es ihnen ausdrücklich erlaubt, dann dafür aber umso tüchtiger. Oder besser gesagt, Erwachsene, die nie erwachsen geworden sind.

Und obwohl man es kaum mehr glauben mag, es gibt tatsächlich auch jetzt noch Personen, die sich, abseits des medialen Rummels, mit dem Coronavirus infizieren. Das tun sie in aller Regel nicht in der Bahn, beim Frisör, im Supermarkt oder auf der Demo. Nein, die Übertragung findet mit großer Wahrscheinlichkeit genau dort statt, wo das Risiko nach wie vor am größten ist: in der Arztpraxis, im Krankenhaus, im Alten- oder Pflegeheim. Dort, wo es oftmals immer noch an adäquater Schutzausrüstung mangelt und die Leute besonders vulnerabel sind. Die in der Breite angelegten wirtschafts-, demokratie- und menschenfeindlichen Maßnahmen können nichts an dieser Tatsache ändern, höchstens zu verschleiern versuchen. Was sie dafür aber schaffen, ist nicht nur die Stigmatisierung derer, die aus der Herde ausscheren, sondern auch von denen, die tatsächlich an Covid-19 erkranken, was in der Folge das Infektionsrisiko sogar wieder erhöhen kann, obwohl vordergründig das Gegenteil der Fall ist.

Es gibt Coronakranke, die sich mit ihrer „Frühlingsgrippe“ hartnäckig weigern, einen Arzt zu kontaktieren, damit sie bloß nicht Gefahr laufen, auf Corona getestet zu werden und dann daran schuld sind, dass „die Zahlen“ wieder hochgehen, wofür in der Folge alle zu büßen hätten. Oder welche, die mit eindeutiger Symptomatik, aus Scham gleich erstmal für mehrere Wochen in ihrer Gartenlaube verschwinden, um das Ganze dort auszustehen und nicht dem Gericht der, ach so aufgeklärten, Nachbarschaft auf der Suche nach Fehlverhalten, zum Opfer zu fallen. Es gibt sogar Menschen, die beim Versuch, dass keiner was von ihrer Erkrankung mitkriegen soll, sich nicht mehr ausreichend selbst versorgen können und sterben, obwohl man ihnen hätte helfen können. Bleibt die Frage, wie diese Toten dann eigentlich zu werten sind: vermutlich als ein bisschen an dem Virus, ein bisschen mit dem Virus, aber durchaus auch als an den Folgen der kollektiven Coronahysterie Verstorbene, deren Last sie als Einzelne psychisch nicht mehr zu tragen imstande waren – mit allen Konsequenzen.

Während es anfangs vornehmlich der Kampf um Schutzausrüstung war (*), so sind es zunehmend die psychischen Folgen der Coronaabwehrmaßnahmen, die mich bei meiner Arbeit als Ärztin beschäftigen, wobei ich allerdings denke, dass wir uns damit erst am Anfang befinden. Mit ansteigender Zahl an Pleiten, Existenzvernichtungen und Lebensentwurfszusammenbrüchen wird auch die Zahl der Depressionen, Süchte und Suizide in die Höhe schnellen. Neben der therapeutischen Versorgung psychisch Erkrankter, die bei abnehmender gesamtgesellschaftlicher Wirtschaftsleistung und damit einhergehender sinkender Kapazität unseres Gesundheitswesens vermutlich noch schwieriger und lückenhafter werden wird, als sie es vor dem Lockdown schon war, halte ich eine breit angelegte Prävention psychischer Folgeschäden momentan für essentiell.

Hierbei wäre zum einen der Abbau der diffusen Ängste zu nennen; und zwar durch Bewusstmachen ebendieser, verbunden mit einer Nachreifung der eingangs beschriebenen kindgebliebenen Persönlichkeitselemente. Jedoch muss dies sozusagen im Schnelldurchlauf geschehen, damit das Individuum zügig wieder handlungsfähig wird und nicht mehr vor lauter Angst auf denjenigen losgeht, der den Mut hat, das eigene Unbehagen auszudrücken, sondern in ihm möglicherweise gar einen Verbündeten sieht und ihn (mindestens im Stillen) unterstützt.

Zum anderen ist es die Resilienzförderung; sprich das zügige Auffinden von Ressourcen und Erlernen von Strategien, um mit den kommenden widrigen Umständen, denen es ins Auge zu blicken gilt, aktiv umzugehen, damit man sich selbst und seine Lieben schützen kann und auch, um seelisch dabei heil zu bleiben.

(*) Der Irrsinn geht weiter

Corona, die fünf Affen und die Leiter

Vera Lengsfeld Veröffentlicht am

Update: Wie in diesem Artikel sehr ausführlich beschrieben, hat das gennante Experiment so nicht stattgefunden. Trotzdem ist es eine anschauliche Allegorie für den aktuellen Alltag!

Die Corona-Maßnahmen sind gelockert, aber die Geschäfte und die Restaurants bleiben weitgehend leer, bis auf das „Borchardt“ in Berlin natürlich, wo die Politik- und Medienprominenz ganz ohnne Abstandsregeln verkehrt. Aber Otto Normalbürger scheint nach ein paar Wochen angstmachender Propaganda die Corona-Regeln so verinnerlicht zu haben, dass er sich kaum davon zu trennen wagt. Man kann das auch als Konditionierung ansehen.
Von zahlreichen wissenschaftlichen Experimenten, die dazu gemacht wurden, möchte ich hier eins wiedergeben, das mir mein Leser A. K. geschickt hat.

Wissenschaftler brachten 5 Affen in einem Käfig zusammen, befestigten in der Mitte eine Leiter und legten oben drauf Bananen. Jedes Mal, wenn ein Affe auf die Leiter kletterte, spritzten die
Wissenschaftler die übrigen Affen mit kaltem Wasser nass. Nach einiger Zeit begannen die Affen,
jedes Mal, wenn einer von ihnen auf die Leiter stieg, diesen zu verprügeln.

Wie groß die Versuchung auch war, es dauerte nicht lange, da wagte sich kein Affe mehr auf die
Leiter. Dann tauschten die Wissenschaftler einen der Affen aus. Natürlich entdeckte der neue Affe
gleich die Bananen und kletterte auf die Leiter. Und sofort wurde er von den anderen Affen
verprügelt.

Nachdem er einige Male verprügelt worden war, hatte er gelernt, nicht auf die Leiter zu klettern,
obwohl er nicht wusste, warum.

Ein zweiter Affe wurde ausgetauscht und auch dieser wurde von der Leiter gerissen und verprügelt.
Der erste ausgetauschte Affe prügelte sogar mit. Nach und nach wurden alle 5 Affen ausgetauscht und mit jedem geschah das gleiche.

Am Ende gab es 5 Affen, die immer weiter jeden verprügelten, der versuchte, auf die Leiter zu
klettern, obwohl keiner von ihnen je nass gespritzt worden war und oben auf der Leiter vergammelten adie Bananen…
Wenn es möglich wäre, die Affen zu fragen, warum sie denn jeden verprügeln, der versucht auf die
Leiter zu klettern…

Wetten, die Antwort wäre so etwas wie:
“Keine Ahnung. Das ist hier so üblich.”