Der Sonntagsfahrer: Die grünen Eimer

Dirk Maxeiner / 21.06.2020 / www.achgut.com

Normalerweise meide ich öffentliche Verkehrsmittel und öffentliche Rundfunkanstalten. Es macht mir keinen Spaß, grundversorgt zu werden. Dennoch muss man natürlich neugierig bleiben und ab und zu in die ARD oder das ZDF, den Berliner Verkehrsverbund oder die Deutsche Bahn hineinschauen oder -hören. Nur so lassen sich die dort gebotenen Leistungen bewerten und vergleichen. In Sachen Pünktlichkeit liegt beispielsweise die Heute-Show eindeutig vor Bussen und Bahnen. Oliver Welkes Witze sind hundert Prozent erwartbarer als der ICE von Hannover nach Berlin und machen sogar in Wolfsburg zuverlässig Pause. 

In Sachen Unterhaltung liegen Busse und Bahnen hingegen vorn. In Leipzig beispielsweise fordern die Lautsprecher den Beförderungsfall auf, seine „Alltagsmaske“ anzulegen. Ich entnehme dieser Ansage, dass es in Sachsen auch Sonntagsmasken, Dienstmasken und Opernmasken gibt, je nach Anlass. Die Moderatoren in den Schaltzentralen der öffentlichen Verkehrsbetriebe stehen an vorderster Front, wenn es darum geht, den Demokratieabgeber an die unbefristete Fortdauer des Maskenballs zu gewöhnen. Imelda Marcos, Gattin des ehemaligen philippinischen Präsidenten, besaß beispielsweise über dreitausend Paar Schuhe, damit konnte sie zehn Jahre durchhalten ohne sich auch nur einen Tag zu wiederholen. Es sollte daher auch möglich sein, maskenmäßig noch ein paar Jährchen weiterzumachen. Der Gatte von Imelda herrschte bis zu seiner überstürzten Abreise übrigens 21 Jahre, es ist also noch Luft nach oben für Angela. 

Da die Pandemie sich hierzulande grußlos aus dem Staub macht, bedarf es im übrigen neuer Kreativität, um den Ausnahmezustand zu verstetigen. Ohne Seuche sind Seuchengesetze aber ein suboptimales Instrument, um den Bürger zum wahren, schönen und guten Leben anzuleiten. Ich schlage deshalb einen Umstieg auf das Bundes-Immissionschutzgesetz (BImSchG) vor. Wikipedia beschreibt es so: „Das Gesetz zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen durch Luftverunreinigungen, Geräusche, Erschütterungen und ähnliche Vorgänge gehört systematisch zum Umweltrecht und soll Menschen, Tiere und Pflanzen, den Boden, das Wasser, die Atmosphäre sowie Kultur- und sonstige Sachgüter vor schädlichen Umwelteinwirkungen schützen und dem Entstehen schädlicher Umwelteinwirkungen vorbeugen sowie schädliche Umwelteinwirkungen durch Emissionen in Luft, Wasser und Boden vermeiden und vermindern.“ 

Entlastung für Ballungsräume, insbesondere Wahllokale

Die Sache ist also ganz einfach: Was für Dieselmotoren, Kaminöfen und Fabrikschlote gilt, muss künftig auch vom Menschen eingehalten werden, denn der ist nichts anderes als eine Verbrennungsmaschine, die das Frühstück in Energie beispielsweise für den Antrieb des Fahrrades umsetzt und dabei CO2 und allerlei unberechenbares Kleinzeugs ausstößt. Die Maske ist fortan als Katalysator und Feinstaubfilter zu begreifen. Wer keine Maske tragen mag, darf aus Verantwortung für seine Mitbürger freiwillig das Atmen einstellen. Dies ist eine enorme Entlastung für Ballungsräume, insbesondere Wahllokale. Keine Menschen, keine Seuche, ist doch logisch.

Andererseits wäre es ohne Menschen auf Dauer ein bisschen langweilig. Keinen mehr zu haben, der einen anstecken kann, beispielsweise mit seiner Fröhlichkeit, ist auch doof. Sehr gut gefallen hat mir beispielsweise ein subversives Element, dem ich bei einem Berlinausflug in der S-Bahnstation Jannowitzbrücke begegnete. Statt der Maske hatte sich der Mann oder die Frau (wer weiß das schon genau) einen grünen Plastikeimer übergestülpt. Vorne war ein Sehschlitz eingeschnitten und oben ein Luftstutzen aus einem Abflussrohr aufgeklebt. Die kreative Leistung des Eimerträgers kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Einerseits tat er dem vorgeschriebenen Seuchenschutz mehr als genüge. Andererseits machte er jedermann mehr als deutlich, wie bescheuert und sinnlos die Maskerade mittlerweile geworden ist. 

Ich sehe hier das Potenzial für eine Protestbewegungen im Geiste Joschka Fischers, der 1984 zum Bundestagspräsidenten Richard Stücklen sagte: „Mit Verlaub Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“. So etwas dürfte man heute natürlich nicht mehr akklamieren. Deshalb schlage ich vor, dass alle, die Sehnsucht nach dem Grundgesetz haben, so einen grünen Eimer aufsetzen. Der sagt nämlich ohne Worte: „Mit Verlaub, Frau Kanzlerin, sie haben nicht alle Tassen im Schrank“. 

Synonym für gehobenen Schwachsinn

So etwas nennt man die Kunst der Subversion. „Kunst kann subversiv sein, wenn sie der bestehenden Wunschvorstellung der sozialen Ordnung ein Gegenmodell vorhält oder sie mit Realitäten konfrontiert“, sagt Wiki dazu, also beispielsweise, indem man durch eine neuartige Kopfbedeckung die herrschende Politik in die Tonne tritt. In Frankreich entstand mit den „gelben Westen“ eine neue Form des bürgerlichen Widerstands, vielleicht sind es in Deutschland die „grünen Eimer“. Klingt auch auf englisch gut („green bucket“), auf französisch sogar noch besser: „Seau vert“. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass „grüner Eimer“ ähnlich wie „Kindergarten“ oder „German Angst“ zu einem international geflügelten Wort werden könnte, in diesem Fall als Synonym für gehobenen Schwachsinn. Eine deutsche Protestbewegung mit Humor wäre doch mal was ganz Neues. Ganz abgesehen von den lustigen Bildern, die keine Kamera ignorieren kann. Mit stiller Genugtuung würde es mich auch erfüllen, den Grünen die Farbe zu klauen und sie vom Image der Anstandstanten zu befreien.

Meine Berlin-Tour war übrigens zugleich mein erster Auslandsaufenhalt in diesem Jahr, ich bin nämlich mit dem Bus M27 von Jungfernheide im Westen von Berlin nach Pankow im Osten gefahren. Dabei kommt man durch den Wedding, also gewissermaßen durch den Nahen Osten und Afrika. Statt Quitzowstraße, Nettelbeckplatz oder Pankstraße könnten die Stationen auch Istanbul, Beirut, Kairo oder Lagos heißen. Ich wäre übrigens dafür, weil ich mir diese Namen leichter merken könnte. Das wird aber wohl nix, weil es tatsächlich seit der Kolonialzeit ein „afrikanisches Viertel“ mit Kamerunerstraße und dergleichen gibt, das entsprechend unter politisch korrektem Beschuss steht. 

Ab der Station Stromstraße fing ich jedenfalls an, mich immer wohler zu fühlen. Erstens fuhr ich schwarz. Der Fahrkartenautomat war defekt und im Bus war auch kein Fahrschein zu kriegen. Der Fahrer steckte in seiner weiträumigen Plastikverpackung und war nur schemenhaft wahrzunehmen, so ungefähr wie ein gefrorener Tintenfisch in der Tiefkühlverpackung. Mein Gefühl sagte mir zuverlässig, dass in dieser Region eher nicht mit Kontrolleuren der BVG zu rechnen sei, es sind hier robuste Menschen mit robusten Ansichten unterwegs. Diese Einschätzung erwies sich als richtig, danke, Landsleute.

Mitten im Wedding Immanuel Kant

Die Maskendichte im Bus nahm konsequent ab, weil kein einziger der zusteigenden männlichen Fahrgäste eine solche trug. Und das sehr deutlich: Man(n) hatte noch nicht einmal eine dabei. Die Passagiere sahen absolut nicht danach aus, als ob sie bereit wären, die in Deutschland garantierten Freiheitsrechte täglich neu auszuhandeln.

Ich wollte nicht negativ auffallen, setzte den blöden Mundschutz ebenfalls ab und vergrub ihn in der Hosentasche. Hinter mir saßen fünf junge, herumalbernde (auf deutsch) junge Männer mit Migrationshintergrund, von denen einer sehr zufrieden mit mir war und den Daumen leicht hochreckte. Ich war umgekehrt auch mit den jungen Männern sehr zufrieden. Wer hätte gedacht, dass hier mitten im Wedding Immanuel Kant eine neue aufklärerische Heimat findet: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Falls jemand den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit sucht, sollte er es in der Linie M27 irgendwo zwischen Stromstraße und Osloer Straße versuchen, das Regierungsviertel ist hingegen zu meiden. 

Nun möchte ich nicht verschweigen, dass der weibliche Teil der Businsassen ziemlich geschlossen Mundschutz in Verbindung mit einem Kopftuch trug. Mit der Losung „Hausarrest ab der Pubertät“ stimmt der Islam ja ohnehin weitgehend mit der Seuchenbekämfungs-Lehre überein. Optisch ergibt sich für den weiblichen Bevölkerungsteil eine integrativ gelungene Kombination zweier Weltreligionen. Der Islam ist fürs Kopftuch und andere großflächige Bekleidungsstücke zuständig, die Corona-Lehre für den Maulkorb in Form der Verhüllung von Mund und Nase. Beiden Religionen wohnt der Gedanke einer besonderen Fürsorge für die Unmündigen inne. Zugegeben, die Gemengelage ist leicht verwirrend, aber fest steht: Busfahren bildet, besonders auf der Linie M27. Ansonsten bin ich für die grünen Eimer.

Von Dirk Maxeiner ist in der Achgut-Edition erschienen: „Hilfe, mein Hund überholt mich rechts. Bekenntnisse eines Sonntagsfahrers.“ Ideal für Schwarze, Weiße, Rote, Grüne, Gelbe, Blaue, sämtliche Geschlechtsidentitäten sowie Hundebesitzer und Katzenliebhaber, als Zündkerze für jeden Anlass(er). 

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