Corona: Tausendmal vernommene Lüge

http://www.reitschuster.de – 10.07.2020

Gastbeitrag von Professor Felix Dirsch, katholischerTheologe und Politikwissenschaftler

„Es ist leichter, eine Lüge zu glauben, die man tausendmal hört, als die Wahrheit, die man nur einmal hört“

Diese Mahnung aus dem Munde Abraham Lincolns sollte man auch im Kontext von SARS-Cov-2 und der von ihm verursachten Lungenerkrankung Covid-19 beherzigen. Gerade auf einem als so existenziell empfundenen Feld wäre es wichtig gewesen, wenn die Medien ihre Rolle als „vierte Gewalt“, die die Regierung zusätzlich kontrolliert, ausgefüllt hätten. Spätestens seit der Migrationszäsur 2015/16 wissen wir, wie einseitig der „Systemjournalismus“ ausgerichtet ist.

Einflüsse der Relotius-Presse erkennen wir nunmehr auch im Rahmen der jüngsten Krise. Anstatt die in der Tat vielfältige Faktenwelt darzulegen und zu erklären, wurde von den Qualitätsmedien wenigstens ab einem bestimmten Zeitpunkt hauptsächlich Partei für den Regierungskurs ergriffen.

Ein Beleg ist die ständige Verbreitung von Horrorzahlen, Schreckensmeldungen, Halbwissen, Bilder von Fahrzeugen, die Särge transportieren – allesamt interpretationsbedürftige Eindrücke, die in Zusammenhängen hätten dargestellt werden müssen. Wochenlang traten die gleichen Experten auf, die den Regierungskurs begründeten. Der Leiter des Robert-Koch-Instituts Lothar H. Wieler und der „Regierungsvirologe“ Christian Drosten bestimmten das mediale Geschehen. Ein schlagendes Beispiel für die Einseitigkeit vieler Berichte ist die Kampagne gegen den früheren SPD-Bundestagsabgeordneten und Facharzt Wolfgang Wodarg. Auch andere Corona-Rebellen wie der emeritierte Mikrobiologe und Epidemiologe Sucharit Bhakdi erfuhren ständige Ausgrenzung. Sogar hohe vatikanische Würdenträger („Veritas liberabit vos“) wurden wegen ihrer Warnung vor Freiheitseinschränkungen als Verschwörungsgläubige gebrandmarkt.

Gerade die Unwissenheit über das Virus SARS-Cov-2, das erst seit Kurzem bekannt wurde, aber auch die zweifelhaften Umstände seiner Verbreitung hätten eine ausgewogene Darstellung nötig gemacht – eben deshalb, weil keine Seite die Wahrheit gepachtet hat. Sogar die Experten mussten sich innerhalb kurzer Zeit mehrmals selbst korrigieren. Die Daten waren unklar, ihre Deutung ebenso. Zuerst hieß es, man wolle die Verdopplung der Infizierten als Maßstab für die Einstufung der Krankheit und etwaiger Gegenmaßnahmen zugrundlegen – erst 10, dann 14 Tage. Bald konnte man aber vernehmen, der Reproduktionsfaktor sei die eigentlich wichtige Größe zur Beantwortung der Frage, wie viele Menschen von einem Infizierten angesteckt würden. Nicht lange danach ließ man verlautbaren, auf der Menge der Neuinfektionen liege das hauptsächliche Augenmerk bei der Beurteilung und Einschätzung der Pandemie. Welcher Parameter ist aber letztlich entscheidend und primärer Maßstab?

Wie ist der Krankheitserreger überhaupt einzustufen? Ein namhafter Toxikologe wie Stefan Hockertz hat früh auf die Vergleichbarkeit normaler Grippeviren mit dem neuartigen Erreger hingewiesen, der freilich einer Virus-Familie angehört, deren Linien schon länger erforscht werden. Die Worte der Fachleute veralteten buchstäblich im Munde. Der Nebel lichtete sich nur langsam. Heute sieht der Informierte klarer als vor Wochen. Deshalb ist es Zeit für eine frühe Bilanz, wie sie die Gelehrten Sucharit Bhakdi und Karina Reiss unlängst vorlegten („Corona-Fehlalarm?“). Andere werden bald folgen.

Nun gilt auch in diesem Kontext, dass die führenden Journalisten mit den tonangebenden Politikern häufig eng verbunden sind. Die einen sind auf die anderen angewiesen (und umgekehrt!). So weiß man oft nicht, wer wen stärker und ursächlich beeinflusst. Politiker sind meist von den Umständen als auch von der Berichterstattung getrieben. Sie müssen sich profilieren. Einigen ist dieses Ziel in der Krise gut gelungen. Sie haben Rückenwind aus der Demoskopie erfahren und ihre Karrierechancen deutlich verbessert. Viele Bürger wollten Maßnahmen sehen. Ob das Handeln aber sachgerecht ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, nicht zuletzt psychologischen.

Das Leben gilt mit Recht als höchstes Gut. Angesichts dessen Schutzes erscheint vielen die Einschränkung von Grundrechten (Freizügigkeit, Berufsausübungsfreiheit, Freiheit des Eigentums und der Religionsausübung und so fort) gerechtfertigt. Doch auch das Recht auf Leben und Gesundheit setzt das juristische Gebot der Verhältnismäßigkeit nicht außer Kraft. Der Freiburger Verfassungsjurist Dietrich Murswiek hat vor diesem Hintergrund in einem Interview mit der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ vom 24.04.2020 („Mit dem Grundgesetz ist das nicht alles vereinbar“) Klarstellungen vorgenommen. Dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit hätte es seiner Meinung nach entsprochen, Einschränkungen für die Risikogruppen auf freiwilliger Basis vorzunehmen.

Vielen, die die Maßnahmen mit dem Hinweis auf die Rettung von Menschenleben verteidigen, denken jedoch zu kurz. Gerade die Verhängung der einschneidenden Beschränkungen dürften viele Menschleben kosten. Viele Alten schränkten die Kontakte ein und trieben weniger oder gar keinen Sport mehr. Die Quarantäne rief vermehrten Lagerkoller und Depressionen hervor, die Zahl der Familientragödien hat sich wohl deutlich erhöht. Viele Vorsorgetermine wurden nicht wahrgenommen, Operationen verschoben. Die Liste jener veränderten Verhaltensgewohnheiten im Lockdown, die negative gesundheitliche Konsequenzen in nennenswerter Zahl zur Folge haben, ist lang. Selbst derjenige, der die behördlichen Anordnungen verteidigt, kommt um eine Güterabwägung nicht herum. Sie ist in jedem Fall schwierig.

Nun ist die Stärkung staatlicher Autorität zur Verbesserung des Lebensschutzes stets ambivalent gewesen. Der Philosoph Thomas Hobbes empfahl im 17. Jahrhundert zur Beendigung des Krieges aller gegen alle, also der bürgerkriegsbedingten Gefährdungen, die Übertragung der Macht an einen autoritären Leviathan. Das Todesrisiko sollte durch Stärkung von Ordnung und Sicherheit reduziert werden. Freilich mussten die Untertanen auf alle Freiheitsrechte verzichten. 2020 trug der Leviathan eine Maske. Seine Möglichkeiten sind heute nicht so weitreichend wie in den Zeiten des Absolutismus, aber immerhin beachtlicher, als man noch vor Monaten vermuten durfte.

Wie bereits erwähnt ist es nicht ausreichend, Zahlen und Bilder medial ohne entsprechende Erklärungen zu präsentieren, obwohl gerade auf diese Weise suggestive Wirkungen erzielt werden. Vor allem die Bilder aus Italien und Spanien lösten Entsetzen aus. Jedoch darf bei einer seriösen Einschätzung der dortigen Situation nicht der Hinweis auf die Lage des Gesundheitswesens in diesen Ländern insgesamt fehlen.

Die entsprechenden Größen sind in epidemiologischer Hinsicht in vier größere Kategorien einzuordnen: Population, Infizierte, Erkrankte (mit bestimmten Symptomen), Verstorbene, vielleicht noch die intensivmedizinisch zu behandelnden Patienten. Korrekter müsste es statt der Infizierten heißen: Zahl der positiv Getesteten, die natürlich von der Zahl der Testpersonen insgesamt abhängig ist. Die Menge der Infizierten dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Berechnet man die Sterberate (der Quotient von Gestorbenen und der Menge der Infizierten) so ist diese wesentlich höher, wenn man statt der höheren Zahl der Infizierten die niedrigere der positiv Getesteten nimmt. Die Infektionsrate ist natürlich nicht aussagekräftig, wenn man nicht die Anzahl der durchgeführten Tests angibt. Es leuchtet ein, dass man mehr Infizierte feststellt, wenn mehr Tests durchgeführt werden. Wichtig sind dabei vor allem Messungen, nicht die Ausbreitung des Virus. Beachtet man bekannte statistische Grundregeln, erkennt man in der Corona-Infektionskurve von März und April dieses Jahres, dass es kaum einen Anstieg der Kurve gegeben hat.
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Darüber hinaus muss zwischen Infektionen und tatsächlichen Erkrankungen sorgfältig unterschieden werden. Bekanntlich strebten die Verantwortlichen an, eine Überlastung der Krankenhäuser abzuwenden. Somit sind die tatsächlich Erkrankten eine signifikante Größe. Die Differenz ist erheblich, da die Krankheit nur bei einer Minderheit der Infizierten ausbricht. Bei immerhin über 80% ist nur ein milder Verlauf zu erkennen.

Ein auffallendes Kommunikationsdefizit ist die verbreitete Unfähigkeit, die Todesfälle genauer zu untersuchen und entsprechende Resultate differenziert mitzuteilen. Alle positiv Getesteten, die nach dem Test ums Leben kommen, werden umstandslos als Corona-Tote geführt. Ist der Betreffende oder die Betreffende direkt an den Folgen eines Autounfalls oder eines Herzinfarktes verstorben, gilt er oder sie als Corona-Todesfall. Die Frage ist, ob die durch SARS-CoV-2 verursachte Erkrankung zum Tod (in den Atemwegen) geführt hat. Die diesbezüglich vornehme Frage lautet: Ist der Tote „an“ oder „mit“ Corona verstorben oder an den Folgen der Maßnahmen?

Die wohl wichtigste Kennziffer ist die Übersterblichkeit. Wir haben 2020 – Genaueres steht aber erst 2021 fest – wohl keine Übersterblichkeit im Vergleich zu 2019. Fast alle Toten haben ein hohes Alter und mindestens eine Vorerkrankung. Die Panikpropheten führen gerne einzelne Fälle von verstorbenen Personen unter 65 Jahren an. Die gibt es in der Tat. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit äußerst gering.

Weiter hätte die mediale Vermittlung ihr Schwergewicht auf die negativen sozialen, bildungspolitischen und vor allem wirtschaftlichen Folgen des Krisenmanagements legen können. Fast schon als reloziferisch könnte man es bezeichnen, dass die Qualitätsmedien die gesamte, sehr beeindruckende Galerie der „Corona-Rebellen“ unterschlagen haben. Neben den bereits erwähnten Medizinern sind in kleiner Auswahl anzuführen: Klaus Püschel, Hendrick Streeck, Bodo Schiffmann, Karin Mölling, Martin Haditsch, Claus Koehnlein und Raphael Bonelli. Ihre Expertisen fanden kaum Beachtung – mit nachhaltigen Folgen für uns alle. In der Quintessenz teilten diese Fachleute uns mit, dass die Lockdown-Maßnahmen zu keiner Zeit gerechtfertigt waren.

Professor Dr. Felix Dirsch ist katholischer Theologe und Politikwissenschaftler. Er ist Autor diverser Publikationen, u.a. von „Nation, Europa, Christenheit“ und „Rechtes Christentum„. Dirsch kritisiert unter anderem den Einfluss der 68er-Generation und der „politischen Korrektheit“.

2012 erschien sein Buch „Authentischer Konservatismus. Studien zu einer klassischen Strömung des politischen Denkens““.

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