Schweden nach dem Corona-Peak

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von Andrea Seliger – 25.07.2020

Die Fallzahlen sinken – jetzt kommen die unangenehmen Fragen

Vor einem Monat, am 24. Juni 2020, registrierte die schwedische Behörde für Gesundheit (Folkhälsomyndigheten) 1.803 neue Covid-19-Infizierte an einem Tag. Für deutsche Touristen galt Schweden da bereits als Risikogebiet, ein Urlaub dort könnte ihnen das Virus einbringen, mindestens aber Quarantäne bei der Rückkehr. Während überall in Europa über Lockerungen diskutiert wurde, schien die Lage in dem Land mit dem Corona-Sonderweg weiter kritisch. Und als Staatsepidemiologe Anders Tegnell darauf hinwies, die hohen Zahlen lägen nur an den vielen Tests, klang das für die meisten nach Trump-Logik. Nach mehr als 5.000 Covid-19-Todesopfern war der schwedische Weg ohnehin diskreditiert.

Einen Monat später: Alle Kurven fallen, obwohl es keine weiteren Maßnahmen gab und die Schweden inzwischen selbst im eigenen Land fleißig reisen. Das RKI hat Schweden von der Liste der Risikoländer gestrichen. In den Intensivstationen des Landes liegen noch insgesamt 50 Covid-19-Patienten – immer noch viele, aber nur noch ein Bruchteil früherer Werte. Was ist passiert?

Tegnell und seine Kollegen führen dies auf drei Faktoren zurück: – Sämtliche Hygiene- und Abstandsregeln sind weiterhin in Kraft und die Leute hielten sich auch größtenteils daran, trotz einer gewissen „Corona-Mügigkeit“. – Das Sommerwetter trägt dazu bei, dass Menschen sich mehr draußen aufhalten, wo die Ansteckungsgefahr geringer ist. – Menschen, die die Krankheit durchgemacht haben, sind nun immun – und das sind insbesondere in Stockholm inzwischen so viele, dass es die Verbreitung der Infektion deutlich verlangsamt.

Wie viel Immunität eine überstandene Covid-19-Erkrankung bietet und wie lange diese anhält, ist nach wie vor nicht sehr gut erforscht. Antikörper-Untersuchungen in Stockholm kamen bisher zu Ergebnissen, die um mehrere Prozentpunkte voneinander abweichen. So hat die Privatfirma Werlabs gratis 83.000 Stockholmer auf Antikörper getestet und kam auf einen Prozentsatz von 14,5 Prozent. Die Antikörpertests der Region Stockholm bis zur 29. Woche ergaben eine Quote von 17,7 Prozent. Die Unterschiede werde unter anderem damit erklärt, dass das Virus sich sehr ungleich verbreitetet hat und dass es deshalb extrem schwer ist, repräsentative Tests durchzuführen. Bekannt ist inzwischen, dass vor allem die leichteren oder asymptomatischen Covid-19-Infizierten nicht unbedingt diese einfach nachweisbaren Antikörper entwickeln. Zur Immunität verhilft aber auch eine Reaktion der T-Zellen, die allerdings schwerer nachzuweisen ist.

Eine neue Studie des Stockholmer Karolinska Instituts, die noch auf ein Peer-Review wartet, kommt sogar zu dem Schluss, dass die Immunität doppelt so hoch sein könnte: Neben den schwer erkrankten Personen, die sowohl Antikörper als auch T-Zellen Reaktion ausbildeten, gebe es etwa genauso viele Menschen, bei denen nur die T-Zellen reagiert hätten und die offenbar trotzdem immun seien.

Johan Carlson, Direktor der zuständigen Behörde (Folkhälsomyndigheten), schätzte daraufhin optimistisch in einem gegenüber Dagens Nyheter, in Stockholm seien inzwischen etwa 40 Prozent immun. Wäre diese Annahme richtig, und wäre die Berechnung richtig, die der Mathematiker Tom Britton vor einiger Zeit vorgelegt hat, dann wäre Stockholm damit kurz vor einer Herdenimmunität.

Tatsächlich nimmt die Zahl der Neuinfizierten dort ab, obwohl inzwischen sehr umfangreich getestet wird und auch wieder Infektionsketten nachverfolgt werden. In Woche 29 waren es allerdings immer noch 627 Neuinfizierte, was einer Inzidenz von 26 pro 100.000 Einwohnern entspricht. Sicherheitshalber sei hier noch einmal erwähnt: Herdenimmunität war nie das Ziel der schwedischen Strategie. Die bremsende Wirkung der Immunität ist aber ein äußerst willkommener Nebeneffekt, dem viel Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Das Aufräumen beginnt: Missstände in Pflegeheimen unter des Lupe

Ende gut, alles gut also? Dafür sind zu viele Leute gestorben – und dafür sind inzwischen auch zu viele Details bekannt geworden, die nicht gut gelaufen sind. 171 Hinweise auf ernsthafte Probleme sind bei IVO (Inspektionen för vård och omsorg) eingegangen, einer Institution, deren Aufgabe es ist, Missständen im Pflegebereich nachzugehen. Zu den Vorwürfen gehört, dass ältere Erkrankte mit Covid-19-Symptomen nicht individuell von einem Arzt begutachtet wurden, bevor sie statt therapeutisch nur noch palliativ behandelt wurden. Mehr ältere Menschen hätten gerettet werden können, wenn man sie nicht vorschnell abgeschrieben hätte, sondern beispielsweise mit Sauerstoff versorgt oder ins Krankenhaus gebracht hätte. IVO untersucht aktuell konkret Missstände in 91 Seniorenwohnheimen.

Offiziell wurde nach wie vor überall eine individuelle Diagnose verlangt. Allerdings hatte die Sozialbehörde verfügt, zum Schutz der Seniorenheime sollten dort so wenige Menschen wie möglich hineingehen, auch Arztbesuche sollten reduziert werden, und die Beurteilung müsse nicht immer in physischer Anwesenheit erfolgen. Darauf wies jüngst Dagens Nyheter hin. Dies ermöglichte offenbar Fehlinterpretation und Missbrauch. Zudem gab es die Befürchtung, die Krankenhauskapazitäten könnten nicht ausreichen. Geriatrieprofessor Yngve Gustafsson von der Universität Umeå schätzte laut DN, dass mehr als 1.000 Menschen nur mangels geeigneter Versorgung zu früh gestorben sind, die Hälfte davon in Stockholm. Diese Missstände traten vor allem zu Beginn der Pandemie auf.

Frühere Untersuchungen in Seniorenheimen hatten bereits mangelnde Hygiene und häufig wechselndes Personal dafür verantwortlich gemacht, dass das Virus trotz all der guten Vorsätze in die Einrichtungen eindringen und sich dort ausbreiten konnte. 50 Prozent der schwedischen Corona-Todesopfer lebten in Seniorenheimen, weitere 25 Prozent lebten zuhause, waren aber auf einen ambulanten Pflegedienst angewiesen. Inzwischen gelingt es den meisten Einrichtungen besser, ihre Bewohner zu schützen – auch das trug dazu bei, dass die Zahlen der Infizierten und der Opfer gesunken sind.

Coronakommission soll die schwedischen Methoden und Maßnahmen prüfen

Dass nicht alles gut gelaufen ist, ist auch der schwedischen Regierung klar. Ende Juni wurde eine unabhängige Coronakommission eingesetzt, die den Umgang mit der Pandemie untersuchen soll – sowohl die Arbeit der Regierung als auch die der beteiligten Fachbehörden. Zum Vorsitzenden dieser Kommission wurde der Jurist Mats Melin ernannt. Melin war unter anderem Richter am Obersten Verwaltungsgericht und am Europäischen Gerichtshof, er war Justiz-Ombudsmann und hat bereits bei mehreren staatlichen Untersuchungen mitgewirkt.

Auf Drängen der Opposition soll der Abschlussbericht bis zum 28. Februar 2022 fertig sein – rechtzeitig vor der nächsten Wahl. Ein erster Teilbericht zur Verbreitung der Infektion im Pflegebereich soll aber bereits am 30. November dieses Jahres vorliegen. Das offizielle Ziel dieser Untersuchung lautet, daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen und Schweden für die nächste Pandemie besser zu rüsten. Der Fragenkatalog, den die Kommission als Aufgabenstellung auf den Weg bekommen hat, ist komplex. Unter anderem geht es um die Verteilung der Verantwortung. Im Ausland mag es für Verwunderung gesorgt haben, dass das prägende Gesicht für den Umgang mit der Pandemie der Behördenangestellte Tegnell ist und kein Politiker. Doch die Fachbehörden haben eine sehr starke und unabhängige Stellung in Schweden.

Und trotz aller Kritik haben nach der jüngsten Kantar Sifo-Umfrage immer noch 67 Prozent der Bürger Vertrauen in Folkhälsomyndigheten. Höhere Werte bekam nur die Krankenpflege. Der Regierung vertrauen nur 45, der Opposition sogar nur 27 Prozent. Sehr niedrig ist das Vertrauen in die Altenpflege. Ob als Folge der Untersuchung auch Leute persönlich für Fehlentscheidungen zur Verantwortung gezogen werden sollen, ist aktuell unklar. Tegnell selbst sagte kürzlich im Interview mit UnHerd, in dem er noch einmal die schwedische Strategie verteidigte: „Beurteilt mich in einem Jahr“.

Risse im Norden durch die nationalen Coronastrategien

Mehr denn je wurde in der Krise die Solidarität beschworen – auch in den Ländern, die sich als „Norden“ verstehen. In der Praxis ging allerdings jedes Land seinen eigenen Weg, und der schwedische sticht dabei besonders heraus. In Schwedens Nachbarländern, besonders in Finnland und Norwegen, ist das Virus inzwischen nur noch sehr gering verbreitet. Das Resultat: Für Schweden bleiben die Grenzen zu, nur in begründeten Ausnahmefällen werden sie in die Länder gelassen. Norwegern drohen bei der Rückkehr zehn Tage Quarantäne, wenn sie sich in Schweden aufgehalten haben, Finnen wird diese nahegelegt. Nachdem man zuvor Jahrzehnte lang versucht hatte, Grenzhindernisse im Norden abzubauen und dafür sogar ein eigenes Gremium eingerichtet hatte, wurden die Grenzregionen nun auf die harte Tour daran erinnert, dass der Strich auf der Landkarte mehr bedeutet als bloß ein Wechsel der Währung.

So sind beispielsweise die Beziehungen zwischen der finnischen und der schwedischen Seite des Torneflusses normalerweise sehr eng. Haparanda und Tornio vermarkten sich seit langem als Zwillingsstadt, in der man über die Landesgrenze Golf spielen kann. Nun zieht sich ein Zaun quer über den Platz, der eigentlich das gemeinsame Zentrum sein sollte. Dank Ausnahmegenehmigungen funktionieren die notwendigsten Dinge trotzdem. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der man früher über die Grenze wechselte, ist dahin. Finnen können zwar inzwischen problemlos passieren, auch wenn der Staat es nicht gerne sieht. Für schwedische Staatsbürger ohne guten Grund ist dies nicht möglich. Die finnische Botschaft verzeichnet einen Rekord an Anträgen für die finnische Staatsbürgerschaft von Schweden mit finnischen Wurzeln, die sich so den Zugang ins Land sichern wollen – nicht nur am Tornefluss. In einer Umfrage des Grenzhindernisrates (Border Barriers Council) gab es nicht wenige Bürger, die fürchteten, dass diese Phase Spuren hinterlassen wird, die nicht so einfach wieder abzubauen sind wie mobile Zäune.

Am südlichen Ende des Landes spähen alle auf die neuesten Pressemitteilungen der dänischen Regierung, denn Dänemark akzeptiert zumindest Besucher aus wenig betroffenen schwedischen Regionen. Für Skåne oder Halland ist Kopenhagen näher als die eigene Hauptstadt. Die Freude war entsprechend groß, als Dänemark wieder für die Südschweden öffnete. Auch Norwegen öffnet für einzelne schwedische Regionen nach Infektionslage. Bisher hatte dies wenig praktische Auswirkungen, da die Regionen, die davon am meisten profitieren würden, nicht dabei waren. Seit Freitag ist mit Värmland zum ersten Mal eine Region direkt an der norwegischen Grenze „grün“.

Wo der Norden einig ist: Maskenskepsis und offene Schulen

In einigen Punkten sind sich die Nord-Länder allerdings ziemlich einig. Bisher gibt es nirgends eine Maskenpflicht außer in sehr begrenzten Situationen. „Abstand halten“ und „bei Krankheit zuhause bleiben“ gilt nach wie vor als die Hauptstrategie. In der Schulfrage sind die Positionen inzwischen ebenfalls sehr ähnlich. Zu den international am meisten beachteten Zügen der schwedischen Strategie gehörte, dass Kitas und Schulen nicht geschlossen wurden (bis auf die „Gymnasieskolor“, vergleichbar mit gymnasialen Oberstufen). Doch auch Island hielt Kitas und die drei untersten Klassen offen. In Finnland waren Kitas und die drei untersten Klassen als Angebot offen für jene, die es benötigten. Dänemark und Norwegen ließen die ersten Klassen schon im April wieder mit dem Präsenzunterricht beginnen.

Mika Salminen, Virologe und Abteilungsleiter am Finnischen Institut für Gesundheit und Wohlfahrt (Terveyden ja hyvinvoinnin laitos, THL), sagte in einem Interview, es gebe inzwischen viele Beweise dafür, dass Schulschließungen bei Covid-19 nicht viel bewirkten. Schulschließungen hätten dagegen sehr negative Folgen für die Kinder. Er gehe jedenfalls davon aus, dass sein Institut dies bei einer zweiten Welle nicht mehr befürworten würde. Auch in Norwegen würden die Schulen mit dem heutigen Wissen vermutlich nicht mehr geschlossen werden. Das norwegische Institut für Gesundheit (Folkhelseinstitutt) hatte die Schulschließung im März von Anfang an nicht empfohlen und zieht auch das Fazit, dass es vermutlich nicht viel gebracht hat. Und bereits Anfang Mai äußerte der norwegische Gesundheitsminister Bent Høie, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass man Schulen und Kitas noch einmal schließen würde, wenn die Infektionszahlen wieder hochgingen.

Eine Zusammenstellung mit Daten aus Schweden (Schulen größtenteils offen) und Finnland (Schulen größtenteils geschlossen) kommt zu dem Schluss, dass die Schulfrage auf die Infektionen bei Kindern praktisch keinen Einfluss hatte. Die Zusammenstellung ist insofern nur begrenzt aussagekräftig, da in Schweden über viele Wochen aus Kapazitätsgründen nur die schweren Fälle getestet wurden und dazu gehörten Kinder selten. „Aufgrund der begrenzten Testkapazitäten in vielen Regionen wurde leider die Gelegenheit verpasst, in den Schulen Infektionsketten nachzuverfolgen, wodurch man wertvolle Erkenntnisse über die Rolle von Kindern bei der Infektionsverbreitung hätte gewinnen können“, heißt es über die schwedische Situation in der Publikation.

Finnland hatte dagegen die Infektionsketten intensiv nachverfolgt. Es sei sehr selten vorgekommen, dass Kinder jemanden angesteckt hätten, und nach der Öffnung der Schulen im Mai sei es dort nicht zu Ansteckungen gekommen, obwohl 16 Schulkinder positiv getestet wurden. In Schweden wurde außerdem verglichen, welche Berufsgruppen am häufigsten erkrankt waren. Das höchste Risiko hatten demnach Taxifahrer, Pizzabäcker und Busfahrer – Lehrer erkrankten nicht häufiger als der Durchschnitt.

Der Stand in Schweden am Freitag, 24. Juli: Die Gesamtbilanz listet 78.997 bestätigte Covid-19 Fälle auf. 5.697 Menschen sind daran gestorben. Das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten führt Schweden noch mit einer Inzidenz von 43,3 pro 100 000 Einwohner für die vergangenen 14 Tage.

In Karesuando an der finnischen Grenze ist das Virus wieder einmal in ein Seniorenheim eingedrungen – sowohl Personal als auch Bewohner sind infiziert, ein Bewohner ist bereits gestorben. Auf der Insel Gotland befinden sich mit den Urlaubern doppelt so viele Menschen wie im Rest des Jahres. Unter denen, die sich dort in den letzten Wochen infiziert haben, sind 16 Restaurantangestellte. Sars-CoV-2 hat Schweden immer noch fest im Griff.

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